Samothráki, die einsame, ganz eigenartig Schöne
(22. – 24. Mai 2004) Autor: MartinPUC
((Prósochi: a lengthy report!))
APRIL 04
Der erste Tag
Der zweite Tag
Der dritte Tag
Nach Alexandroúpoli und Évros
APRIL 04
Ausnehmend kühl, nur eine Spur milder als bei uns zu Hause, diese Aprilwoche in
Paris. Es war vorher bestimmt deutlich wärmer, aus dem Zugfenster gut zu
erkennen an der fortgeschrittenen Vegetation, die unseren Frühling bereits um
zwei Wochen geschlagen hat.
Nun aber kältelt es wieder und die Plakate der griechischen Zentrale für
Fremdenverkehr in den Metro-Bahnhöfen machen durchaus Sinn:
Greece ((auf Englisch)) – vôtre meilleur exploit. „Greece – Ihre größte
Heldentat“, etwas ironisch formuliert und auf den kleinen Schritt der
Eigeninitiative anspielend. Davor noch der Satz mit der schier unwiderlegbaren
Aussage, dass es in Europa seit allen erdenklichen Zeiten nur ein Land mit so
viel Sonnenstunden gebe.
..... Es wäre verlockend, einen dritten Tag zusammen mit weiteren 15.000 und
mehr Besuchern im Louvre zu verbringen.
Noch einmal zu De la Tour mit seinen packenden mystischen Kerzenszenen, oder
Chardin mit seinen prächtigen Stillleben, oder zum unvergleichlichen, Laute
spielenden Hofnarren von Frans Hals, an dem so viele unberührt vorübergehen.
Oder den Rembrandts, besonders dem kleinen „Philosophenbild“, mit seinen
Kontrasten aus heller Erleuchtung und dem tiefen Dunkel, der Spiraltreppe und
der Kellertür, dem geistig Versunkensein, den Höhenflügen der Gedanken und
daneben den Notwendigkeiten der Existenz, der unbeteiligten, das Feuer schürenden
Hausangestellten.
Zu den beiden Köstlichkeiten Vermeers, zu dem für seine Zeit kühn in Pink-
und Violett-Tönen malenden Rosso Fiorentino, dem nahen Pontormo-Bild, das,
abgesehen vom Zauber des leuchtenden Gelb-Rot der Gewandfalten einer der
Figuren, so sehr an Dürers derbgesichtige Gestalten erinnert.
Oder zu Vasaris herrlicher Verkündigung, Melendez’ Überfliegerstillleben,
hinter der Staffelei einer Kopistin verborgen, und zu den wenigen Goyas.
Schnell vorüber insbesondere an der ständig belagerten zweitklassigen Mona
Lisa – aus zwanzig Metern Entfernung halten sie schon die Digitalkameras hoch,
obwohl etwa 100 m weiter in der langen Galerie viel bessere Da Vincis zu sehen
sind.
Aber ich denke auch gerne an GRIECHISCHES im Louvre zurück – ganz zu
schweigen von den Schätzen der ägyptischen Sammlung.
Die gut ausgestattete griechische Skulpturengalerie (es gibt zwei davon im
Louvre), ein herrlicher lächelnder Kouros, die uralten Kykladenidole von Kéros,
Syros und den Nachbarinseln.
In Stein gemeißelt die „Victoire de Samothrace“, die Großstatue der arm-
und kopflosen Nike von Samothraki mit ihrem marmornen Flügelwunder, in stolzer,
gerader Haltung auf klotzigem Schiffsbug verwurzelt.
Sie überrumpelt von ihrer hohen Warte aus jeden, der das imposante marmorne
Treppenhaus zu ihr hinaufsteigt. In der Tat überwältigend, so ein Anblick,
keiner kann sich ihm entziehen. Eine Tafel mit Kommentar an der Wand. Ich werde
neugierig, will mehr wissen, mehr sehen.
Es nimmt einen ganz schön mit – im Glück zu schwelgen, sich tagelang mit den
herrlichsten Kunstschätzen der Welt auf Tuchfühlung zu wissen.
MAI 04
Geschrieben nur aus der Erinnerung.
Der erste Tag
Ein paar Wochen später. Dies ist wieder die „Nissos Limnos“ von SAOS-ANES
Lines, und es ist früher Morgen, kurz nach sechs, und Samstag, der 22. Mai
2004.
Wir sind auf Höhe des Kaps Moúrtzouflos - Erinnerung an eine Figur bei
Kazantzakis -, der Nordwestspitze der Insel Limnos, und nehmen Kurs auf
Samothráki,
das noch lange im Dunst verborgen bleiben sollte.
Endlich habe ich beim Vorbeifahren am Kastro-Berg einen kurzen Blick auf das
Rudel Rehe in einem abgegrenzten, waldartigen Burgbezirk werfen können. Schon
irre – Rehe auf Limnos.
Eine Zeit lang habe ich mit zusammengekniffenen Augen den Meersspiegel gescannt
und bin überraschend fündig geworden: Eine Schule Delphine, nur ein paar
Tiere, begleitet mit eleganten Hüpfbewegungen, die Wellen durchsichelnd in
vielleicht 250 m Entfernung das Schiff, genau beim Kap. Sie tummeln sich in all
ihrer morgendlichen Lebensfreude, die Tümmler, da sind die vielen
morgenaktiven, aufgewirbelte kleine Fische an den Schiffsflanken schnappenden
Seemöwen kurzfristig ganz vergessen.
Drei ältere deutsche Landsleute, darunter ein waschechter Bayer, haben sich
ebenfalls auf dem Achterzwischendeck der N. L. positioniert, staken wie ich mal
dahin, mal dorthin, entdecken von Bord aus ihnen bekannte Gegenden, um Agios
Jannis.
Ob die eine Frau, hörbar von der Ruhr (im weitesten Sinn) , vielleicht die
Gattin des Wirtes der einen Taverne noch hinter meinem Wohngebiet in Myrina war?
Sie machen einen Ausflug, kehren nach einer Ü auf Samothraki wieder zurück
nach Limnos.
Vergebens halte ich Ausschau nach der Insel Thassos, die sich wie der Athos
diesen Morgen einfach nicht zeigen will.
Die Trabanteninsel Serjítsi und die buchtenreiche Nordflanke von Limnos sind
allmählich passé, die Konturen der Kabireninsel schon eine halbe Stunde lang
in Erscheinung getreten, als mich eine zierliche Person mit Bubikopf und guter
Ausstrahlung wohlmeinend anspricht. Ich suche auf der verkehrten Seite, meint
sie, Samothraki liege direkt vor und etwas rechts von uns. Aha, meine ich –
ich suche doch immer noch nach Thassos, der einzigen Insel die ich hier
vermisse!
Die in Athen arbeitende Französin ist unterwegs zu ihrem griechischen Partner
in der letzten Siedlung des Inselsüdens namens Kitáda – den Namen merke ich
mir, aber ich sollte das „Dorf“ trotz Suche nie finden – ich weiß auch,
warum.
Meine Gesprächspartnerin (wir sprechen Griechisch, sie perfekt, ich eher notdürftig,
so gut ich eben kann) ist der Ansicht, der Süden von S. biete Griechenland in höchster
Perfektion, wie es typischer nicht sein könne. Da werde ich schon skeptisch - für
mich ist das eine Definition für Kreta, verbohrt wie ich bin, und vorgeformt.
Aber aufhorchen tue ich trotzdem, denn die Frau wirkt recht intelligent, und es
ist das erste Mal, dass jemand mir gegenüber im persönlichen Gespräch gerade
den Süden von Samothráki so explizit hervorhebt. Der gilt doch als so kahl und
im Vergleich zum wald- und wasserreichen Norden als geradezu uninteressant!
Von unserem Nordostkurs aus betrachtet eine recht zusammengestauchte
Hochgebirgsinsel (wenn auch unter 2.000 m, also streng genommen keine). Sie
wirkt sehr imposant mit ihrer langen Gipfelkante und den steil abfallenden West-
und Ostenden. Aber bestimmt nicht wie ein gleichmäßig zum Inselinneren
ansteigender Bergkegel – das Gegenteil, eher: eine längere Gipfelkette mit
mehreren Bergstöcken. Viel länger als 20 km Luftlinie ist sie wohl kaum.
So genau wie ich es sonst immer mache, kann ich sowieso nicht die sich nähernden
Küsten und Berge anpeilen, schließlich unterhalte ich mich ja – auch über
die Insel.
Die Nissos Limnos hält auf die Westspitze der im äußersten Inselwesten
gelegenen, flachen bis sanft hügeligen Landzunge zu, erstaunlich viel Ackerland
erstreckt sich in diesem an Südengland erinnernden Teil von Samothráki – „Livadia“.
Das viele Getreide ich noch grün, einzelne Laubbäume lockern die Szenerie auf.
Einige Kilometer südostwärts sind Hangdörfer auszumachen, dahinter dunkle Wälder
und der nackte Fels mit einer Reihe von Gipfeln darüber, keiner ragt besonders
hoch über seine Nachbarn hinaus, aber sie beeindrucken in ihrer wuchtigen
Gesamtheit, als klotziges Ensemble.
Auf dem nach West länglich zugespitzten Kap Makrívrachos ragen vier (oder
waren es drei?) Windkraftwerke mit ihren Rotoren in die Höhe. Dieses Kap bildet
auch schon den Eingang zur Bucht von Kamariótissa, dem Hafenort der Insel.
Überhöht auf einem Minihügel am Meer grüßt uns die Aghios-Nikólaos-Kapelle,
meine Zuflucht zu gefährlicher Stunde. Die ersten vereinzelten Häuser säumen
die Küstenpiste hinaus zu den Rotoren. Nun ist das grüne Licht, die rechte
Hafenmole erreicht und die N. L. beginnt ihr Wendemanöver.
Erste Fühlungnahme mit Kamariótissa
Der Ort zieht sich die Küste entlang, sieht recht neu aus. Nicht gerade sehr
inspirierend, aber auch nicht hässlich. Etliche ganz schön große, fast
riesige Fischkutter säumen den Hafen. Die kleineren Boote fallen neben ihnen
kaum auf. In diesen Breiten muss es sich lohnen zu fischen.
Da ich mich nicht besonders über Zimmer vorinformiert habe und auch das Buch
der Schwabs nicht gekauft habe, setze ich mich zuerst einmal in ein recht
verlassenes Kafenio neben dem Zeitungs-, Buch- und Souvenirgeschäft eines
jungen Typen und sehe dem Entladen meiner angekommenen Fähre zu. Ein Tisch ist
besetzt, aber der Kafetzís lässt sich nicht blicken. Es hat keinen Sinn, der
kommt einfach nicht, ist wohl beim Schiff. Auf meine Frage, wo es Zimmer gibt,
sagen sie: überall! Links oder rechts. Ich wende mich nach rechts, nach
Nordost. Setze mich vor die nächste Ecktaverne bei einer Gasseneinmündung, die
zu dieser noch frühen Stunde als Kafenio fungiert.
Die haben auch ein Zimmer für mich, etwas das Gässchen hinter, Blick in einem
ruhigen schmalen Garten mit Bäumen, Krempel, Mauer- und Himmelsblick. Schmaler
Balkon an allen Zimmern dieser Seite des Stockwerks entlang. Irgendwo wohnt noch
ein Gast, aber nicht auf dieser Balkonseite. 20 Euro kostet es, vorausgesetzt
ich bleibe länger als nur eine Nacht, darauf legt die Wirtin großen Wert,
betont es mehrmals.
Komme ich vor meiner Unterkunft an oder verlasse ich sie, liegt unten auf der
Gasse stets ein netter, aber etwas verstörter Hund, einer dieser lieben
Streuner, der nicht so recht weiß, was er mit sich und mir anfangen soll.
Gleich gegenüber ein Souvenirladen mit ganz vielen Nikes von Samothraki zur
Auswahl.
Wenn man hinten aus der Gasse rausgeht, bei dem Minimarket ankommt, dann nach
links dreht, ist man nach wenigen Schritten auf dem Kirchenvorplatz, einer
anderen Grünanlage mit vielen Schnecken. Geht man durch den Torbogen,
linkerhand die Telefonkabine, steht man dem Motor- und Fahrradverleih eines
Deutschen gegenüber – er sah zumindest sehr deutsch aus. Sein Fuhrpark wirkte
äußerst gepflegt. Miá chará! Eine wahre Freude.
20 m weiter, links abwärts Richtung Hafen, findet sich rechterhand ein vorzügliches
Bougátsa-Etablissement mit kleiner Außenterasse. Für 1.50 Euro kriegt man
dort seine schmackhafte Portion Bougátsa plus ein Glas Wasser, ob Kréma oder
nicht, egal: immer bestens! Ich war viermal dort, das letzte Mal am frühen
Abfahrtsmorgen. Der bei der permanenten Backofenhitze im Hinterstübchen ständig
total verschwitzte, extrem eifrige Kleinunternehmer hat’s mir durch
freundliche Anerkennung gedankt.
An Samstagen ist das Busnetz ziemlich ausgedünnt auf Samothraki, ein
italienisches Paar klagt mir sein Leid. Sie wollen nach Profítis Ilías, einem
Dorf zu Füßen des gleichnamigen Prophetenbergs an der Südseite der Insel. Dafür
müssen sie ziemlich lange warten – wenn überhaupt was geht. Ich schlage vor,
wir könnten uns zusammen ein Taxi teilen, nachmittags, aber sie ziehen nicht so
recht mit.
Wir wissen nicht, ob die an den Windschutzscheiben der bei der Hafenfront
geparkten vier Inselbusse angebrachten Busfahrpläne noch gültig sind, stellen
bald fast, dass wohl schon, denn der Busfahrer kommt ab und zu ganz ohne Hektik,
besteigt immer dasselbe auserwählte Gefährt und startet mit einer oder zwei
Personen Richtung Chora.
Richtung Therma heißt es einige Stunden warten. Was muss man auch wochenends
hier anlanden!
Mein erster Rundgang die Uferstraße entlang führt bis zum östlichen Ortsende,
einem verlassen scheinenden Hotelkasten, einem von dreien am ostwärtigen
Ortsrand. Kurz dahinter vereinigt sich die Uferstraße mit der landeinwärtigen
Parallelgasse zur Inselstraße in den Osten.
Eine ganze Reihe von Minimärkten, Tavernen und Kafenía säumen die Promenade
am Fischerhafen bzw. dem Parkplatz mit so etwas wie Grünanlage, wenigstens Bäumen
weiter östlich zwischen dieser Straße und dem Strandbereich. Etwa in der Mitte
zweigt im Neunziggradwinkel die Hauptstraße sowohl in das Verwaltungszentrum
(„Samothráki“ oder „Chóra“) hoch oben als auch zu den Dörfern des Südens
ab. Der südwestliche Teil der Hafenparallele führt bald hinaus in eine hübsche,
offene Landschaft mit den ersten Getreideflächen, erst einmal vorüber an
einigen neueren Cafés (plus Internetcafé), dann ein Weg hinter zu den letzten
Zimmern (idyllisch, ruhig), schon weiter draußen nahe einem verriegelten,
leicht verkommenen ehemaligen Tanzcafé oder dergleichen, schließlich ein
Zigeunerlager – kleinere Familie. In Sichtweite die Kapelle über dem Ufer,
etwa 1 km vom Ort entfernt.
Ein herrlicher, großartiger Blick tut sich einem dort draußen auf, sowohl aufs
Meer als auch und besonders auf die grandiose Bergkulisse des Inselinneren.
Nicht schlecht, muss ich sagen.
Seit Stunden komme ich mir wie eben einer von drei oder vier Touristen vor, das
ist die Kehrseite der Medaille, wenn man so will.
Absolut tote Hose in Kamariótissa, ziemlich triste Atmosphäre und auch nicht
besonders warm. Die Einheimischen verschanzen sich hinter ihren Kaffeetässchen
und kleinen Bieren. Ja, hier haben sie immer nur die kleinen Biere, zum
Leidwesen jedes gebürtigen Bayern – in Alexandroúpoli sollte es nicht anders
sein. Irgendwer hat denen gesagt: weniger trinken ist gesund, und man kriegt als
Wirt für die kleinen (fast bzw. genau) dasselbe Geld wie für die großen
Flaschen. Das hat den Händlergeist, die Krämerseele überzeugt.
Ich kehre auf einen ersten Ouzo und etwas Mezé zur Mittagszeit in der urigen
Kneipe neben der nicht weniger urigen Ticketagentur der SAOS Lines ein – wie
ich es von Limnos her gewohnt bin. Wortkarge Leute hinter der Theke. Etwas
unfreundlich, keine Spur von Lächeln. Die junge Frau schneidet sorgfältig
meine Mezedes auf, es sind auch zwei Fischchen und etwas Tintenfisch dabei. Aber
vier Euro fünfzig ist dann doch ein leicht überhöhter Preis für den Snack.
Die Leute an den beiden Nachbartischen geraten denn auch in Erstaunen über so
einen Wucher, äußern sich prägnant: „Téssera penjínda!“, werfen sich
bedeutungsvolle Blicke zu. Für mich war’s halt mal wieder „diplí timí“,
doppelter Preis.
Angesichts dieser ausgesprochenen Tristezza und so irre wenig Touristen (die
paar, die hier sind, machen jetzt bestimmt gerade ihre Tagesausflüge) möchte
ich nicht gerne auffallen und bemühe mich weiterhin auf Griechisch durch den
Ort, obwohl ich weiß, dass hier fast jeder Mann in Stuttgart oder Bad Cannstadt
und Umgebung gearbeitet hat. Klar, ich falle sofort als Deutscher auf, aber
vielleicht wissen sie meine Bemühungen zu schätzen.
Wär ich doch wenigstens zu Zeiten der Fußball-EM gekommen! Oder vielleicht
Ende Juli? Ach, was mag jetzt auf Kreta los sein, in Paleóchora, Loutró, in
Sívas, Kamilari, in Léndas, Mirtos oder Palékastro! Und hier wieder in der völligen
Einsamkeit. Aber schön ist es trotzdem, es war mal was ganz Neues fällig!
Zur auf den Windschutzscheibenbusfahrplänen angegebenen Stunde taucht wieder
der Busfahrer auf, absolut wortkarg, stoisch ruhig, unantastbar. Mein Tipp,
welchen Bus er wohl aufschließen wird, ist goldrichtig. Wieder den einen, etwas
kürzeren.
Ein erster Busausflug zur Nordseite. Die zweite Hälfte des ersten Tages
Der kleingewachsene, schwarzhaarige Mann mit der relativ hohen Stirn hinter dem
Steuer fährt los. An Bord: ein englisches Ehepaar (das 100 % der anwesenden
Briten verkörpert) und ich. Die beiden Geizparteien, die sich keinen fahrbaren
Untersatz gemietet haben.
Musik wird angestellt, überlaute Schlager dröhnen auf uns ein, hätte ich von
ihm nicht erwartet.
Unser Fahrer meistert den Schwellenparcours die Uferstraße entlang wie ein
Profi. Fast Stillstand vor jeder der Bodenwellen bzw. die Straße querenden
Gitter, um den Bus gebührend zu schonen.
Ortsauswärts tauchen wir gleich ein in die wunderschöne, eigenartig verlassene
Landschaft der westlichen Nordküste, die erst nach einigen Kilometern durch
Neubauten, geschlossene Pensionen und Tavernen an der Küste, nur punktuell
etwas entstellt wird. Zuvor geht es durch eine Wiesen-, Farn-, Baum-, weiter
oben Oliven- und lockere Waldgegend, rechtsab von der Straße. Die einzelnen
anderen, sehr ufernahen Pflanzenformationen kenne ich leider nicht namentlich.
((Rainer Karbe, Ute Latermann, helft mir – ihr Großartigen!))
Linkerhand geht es immer dicht am Meer mit seinen kiesigen, bald nur mehr
steinigen Stränden entlang.
Katsábas ist passiert, und Paliápoli (alle sagen es so, also nicht „Paleópoli“,
wie es auf der Karte steht) bald erreicht. Es sind zwei „Ortsteile“, ein
paar hundert Meter auseinander glegen. Der erste Stopp ist sozusagen der
„richtige“, beim Kabirenheiligtum, dem „Heiligtum der großen Götter“,
und dem vorgelagerten Museum. Ganz vorne in Straßennähe eine linkerhand auf
einer Geländeterrasse platzierte Kapelle. Der zweite mögliche Stopp ist bei
den viel viel später errichteten Ruinen eines Kastros – der Seiteneingang vom
Kabirenheiligtum aus zu diesen relativ jungen Ruinen ist leider zugesperrt.
Weiter zockeln wir vorbei an Platanen. Kariotés, erst Káto, dann Áno, ein,
zwei „Dhomátia“ in Straßennähe. Südlich die hohen Berge.
Nur einige Kilometer sind es noch nach Loutrá, oder Thérma.
Eine Taverne rechts an der Straße, ein Hafen links unten, und hier ist sie, die
Abzweigung nach Loutrá, etwa einen Kilometer geht es schnurgerade hügelan.
Merkwürdiger, kostspielig angelegter Gehsteig mit Lampenpfosten mittendrin,
Bushäuschen.
Angekommen in Therma/Loutrá, direkt beim Badehaus, das vielleicht 100 m hügelwärts
rechtsab jenseits eines Baches positioniert und ganz verlassen ist, frage ich
als Erstes, wann der Bus zurückfährt, denn ich hab recht schnell erkannt, dass
ich mich trotz der Wochenendbesucher, lauter Griechen, in dem Kafenío mit den
Platanen im Vordergrund an diesem Nachmittag hier nicht glücklich fühlen
werde.
Der Busfahrer meint, gleich nach seinem Kaffee, in 10 Minuten. Das bedeutet für
mich eine Blitztour hinter, nur ein paar Meter in den platanenüberschatteten
Ort. Aber keine Bange –ich werde wiederkommen, zwei Tage später. Bei einer
Pension mit gefährlich aussehendem, aber harmlosem Schäferhund davor kehre ich
um und sitze vor dem Bus herum, bis der Fahrer das Kafenío verlässt und wie
ich wieder einsteigt. Der Ort hat einen vor-saisonhaften, melancholischen
Eindruck in mir hinterlassen, trotz der etwa 20 Wochenend-Besucher im Kafenío
an seinem untersten Ende.
Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr unmittelbar zurückzufahren Richtung
Kamariótissa.
Das scheint ungewöhnlich, denn als ich beim Kabirenheiligtum aussteige, erlässt
mir der Fahrer den Fahrpreis.
Nun stehe ich hier an der Straße, überquere sie und sehe, wie einige Frauen
liebevoll die Kapelle putzen und pflegen.
Einige hundert Meter auf steinernem Pfad durch einen herrlichen Wald mit
Nebenpfaden und Olivenhain sind es nun bis zum „Mousío“.
Zwei Paare begegnen mir auf ihrem frühnachmittäglichen Weg zurück zum Auto.
Später eine Gruppe Deutscher , deren württemberger Autonummer ich wahrgenommen
habe.
Das Museum. Soll ich reingehen? Um diese Zeit hab ich eigentlich gar keine Lust
dazu. Aber die Eindrücke von Paris, vom Louvre, sind noch zu frisch, und ich
zahle den Eintritt und sehe mir die paar Räume an.
Schande: Im Louvre steht das abtransportierte, einkassierte Original, hier
lediglich ein Abguss der „Nike von Samothráki“, aber immerhin. Ansonsten
viele Kleinteile, Generalitäten, Generelles zur griechischen Antike, auch
Zierleisten von Tempeln dieses Standortes, usw.
Im Vergleich zu Sammlungen wie der im Louvre ist das aber bescheiden, was hier
geboten wird, und ich halte mich deshalb nicht lange auf, trage mich auch nicht
ins Besucherbuch ein, weil ich nicht lügen will mit irgendwelchen
Schmeicheleien.
Wie schön ist es doch, im Nachhinein über diese Insel zu schreiben, denk ich
mir gerade, die zweite Verlängerung Viertelfinale England – Portugal im
Hintergrund.
Ich müsste auch da noch einmal hin, zurück nach Samothráki – verdammt,
verflucht! Wann?!
Portugal hat soeben das „Silver Goal“ geschossen. Das Spiel geht weiter.
Seinem ungewissen Ende entgegen.
Den steinernen Pfad gehe ich weiter zum Ausgrabungsgelände, muss durch das
Gatter eines Gitterzauns. Der müde Wächter.
Eine Talung mit Bach teilt die heilige Stätte in zwei Hälften. Ganz am oberen
Ende stand es, das Nike-Monument aus der ersten Hälfte des zweiten
vorchristlichen Jahrhunderts – spät errichtet angesichts des Alters dieser
Glaubensrichtung. Nebenan erstreckte sich die ausgedehnte „Stoa“, eine Säulenhalle
von etwa 120 m Länge.
All diese früheren und späteren Bauten möchte ich gar nicht erwähnen, ein
Labyrinth von Wegen, es sind viele, runde (Tholos der Arsinó-i ) und eckige
Grundrisse haben sie, umgeben von den letzten Olivenausläufern der Nordseite
Samothrakis, gestiftet teils von großen Königen der makedonischen Antike.
Ein deutsches Paar, ein niederländisches..
Rasten auf den Steinen, ahnungslos vor dieser Größe, vor dem Unbekannten. Die
heiligen Oliven, und darüber, noch einigermaßen weit entfernt, der glitzernde
Fels. Ausblick auf das Thrakische Meer, und wäre es nicht so dunstig, nicht nur
auf die nahen Festlands-, sondern bis zu den ferneren bulgarischen Bergen.
Ein Ort für den frühen Morgen oder die Abenddämmerung, die Nacht. NICHT für
den Mittag.
Die sympathische Museumswärterin erklärt mir die Abkürzung über einen
Feldweg hinten raus aus dem Gelände zur Teerstraße hinauf in die Chora. Ein
Zickzackkurs, aber bald ist es geschafft, die etwas westlich der Ausgrabungen
auf die Küstenstraße einmündende neue Verbindung zum Hauptdorf der Insel ist
erreicht.
Es geht bergauf in Kurven, etwa 3, 4 km. Wasserstaubecken aus Beton.
Ziegenherden ohne Hirten queren die Straße. Kahle Landschaft vor dem großen
Gebirge.
Allmählich bin ich sehr durstig, hab nichts zu trinken mitgenommen.
Bei einer Kurve schließlich habe ich den ersten Blick auf die sich in die
Bergflanken schmiegende Chóra und bin nach weiteren 10 min an der Platía ganz
am unteren Ortsrand mit einer verschlossenen Kandína (Imbissstand) und einigen
Bäumen angelangt. Auch die Taverne entgeht mir nicht, hat wohl nur abends auf,
oder später im Jahr. Den Brunnen entdecke ich zu spät, bin heilfroh, ein geöffnetes
Kafenío hier zu finden, wo ich mir eine Art „Shandy“ zusammenmixe – Bier
mit Limo. Draußen wird es bald so kühl, dass ich meine Vliesjacke überstreife.
Ein paar neugierige Dorfbewohner erscheinen auf der Bildfläche, auf ein Tässchen
Kaffee.
Es gilt hochzusteigen, irgendwo neben dem Kafenío. Schöne, autofreie Gassen führen
im Zickzack bergan. Es soll hier Fremdenzimmer geben, die sind nicht gerade auffällig.
Über mir zeigt sich schon das absolut verschlafene Polizeihauptquartier der
Insel an einer Ausfallgasse, 100 m dorfeinwärts von der wegen Einsturzgefahr
nicht zugänglichen Burgruine. Vor dem Café, geschlossen, gegenüber der Ruine
begegne ich dem holländischen Paar, unterhalte mich ein wenig mit ihnen. Sie
raten mir unbedingt zu der Wanderung den Foniás-Gebirgsbachlauf hoch bis zum
Wasserfall – Nordseite der Insel, 4 oder 5 km östlich der Abzweigung nach
Loutrá. Ich würde etwas Wichtiges vermissen, wenn ich das nicht machte.
They were right – absoloootely. Es blieb bei mir aber nicht beim ersten
Wasserfall (Gib nicht so an, du Krücke!).
In einer der obersten Gassen umrunde ich den Ort bis hin zur Kirche und zum
Gymnasium. Hier kreuzt die Straße von Kamariótissa auf eine andere Richtung Alónia
ein. Ich gehe in diese Richtung weiter, muss aber ein Auto anhalten und mich
nach dem Weg erkundigen, denn bald bin ich an einer Stelle angelangt, wo drei
Wege auseinander gehen. Klar, den Hauptweg, die Teerstraße bergab, hätte ich
auch selber gefühlsmäßig als solchen ausgemacht, aber lieber fragen (Leute,
nicht den Esel, der da wartet), bevor man Umwege gehen muss.
Oben raus aus dem Hauptdorf, Verwaltungszentrum der Insel, samstags Stimmung wie
irgendwo weit weg, auf den Bergen der Cyrenáika, in Nord-Finnland, aber
sogleich hat man eine Aussicht, weit hinunter über das Land und einige Dörfer.
Die 2 km bis Alónia schaff ich auch locker.
Aber Alónia ist weit gestreut, liegt zudem beiderseits eines recht tief
eingeschnittenen Tals, und ich kenne mich hier noch nicht aus.
Eine Streusiedlung, zunächst. Ich entscheide mich für die linke Talseite,
obwohl mir scheint, dass ich über die rechte schneller nach Kamariótissa zurückwandern
könnte. War aber gut so. Auch gut, dass ich wieder meinen schweren
Teleskopwanderstock mithabe, die erste Hundemeute in die Schranken zu verweisen.
Nach den Hunden kommt ein Familienclan aus einem der umgarteten Häuser unterhalb
meines Weges zum Auto hoch. Die Tochter grüßt mich überherzlich, ergreift
fest meine Hand, grinsend über beide Ohren, die Familie lacht und entschuldigt
sich für ihren geistig behinderten Spross.
Ein Stückchen weiter wende ich mich an einer Abzweigung nach links hinunter,
nicht nach rechts, und gelange so ins Ortszentrum – so ein Glück. Es ist
wirklich hübsch, einladend, und das größere Kafenio linkerhand, nachdem ich
rechts in die Hauptstraße eingebogen bin, hat sogar schon wieder – oder
noch?- geöffnet, wenn auch niemand außer der Wirtin da ist. Es zieht mich
leider weiter, vielleicht ein Fehler. Da hätte ich möglicherweise einen hier
residierenden netten Deutschen getroffen, per Zufall. Den Betreiber der tollen
Samothraki-Website, vielleicht.
Aus der nachmittäglichen Stille des schönen Alónia münde ich nach ein paar
hundert Metern in den südlichen Inselhighway ein.
Da ist zu dieser Zeit erstaunlich viel Verkehr. Eine richtige Überlandstraße,
so kommt es mir vor, und ich empfinde mich auf ihr völlig deplatziert. Die
herrlichen Wanderpfade von Loutró nach Aghía Rouméli oder über Livanianá
hinunter in die Arádhena-Schlucht oder hinauf nach Anópoli kommen mir in den
Sinn. Wie anders ist doch die Sfatschá! Aber hier ist nicht Südwestkreta.
Hier ist eine tolle, eigenständige und –artige Insel im äußersten Nordosten
der Ägäis, knapp vor der Türkei. Man gönnt ihr diesen (wirklich) einzigen
bescheidenen Inselhighway.
Die griechische Nationalmannschaft hat soeben die französische Elf aus der EM
rausgefußballt. Schlusspfiff. ES IST UNGLAUBLICH.
So etwas hab ich noch nie erlebt, niemals erwartet. Wahnsinn! Wahnsinn!!!
Ich habe nur eine Erklärung dafür, für das Gelingen dieses
Ausnahmeereignisses: Die große kabirische Göttin Axiokérsa, die „Große
Mutter“, nicht nur der große Trainer Rehagel (was für ein netter, lieber älterer
Herr mit leuchtenden Augen und positiver Einstellung zum Leben! Wie euphorisch
er jetzt wirkt!), hat aktiv mitgewirkt – nachdem sie von ihrer letzten, nach
Jahrtausenden übrig gebliebenen, stark ausgedünnten Verehrergemeinde in einem
nächtlichen Ritual auf Samothráki inniglichst beschworen wurde.
Stimmt’s – ihr thrakischen Schlitzohren mit schwäbischer Zunge?
Was könnte mir da im Nachhinein der mehrere km lange Weg auf einer samstags spätnachmittäglich
(relativ) gut befahrenen Teerstraße schaden, vorüber an einem Zementwerk, oder
was immer es sein mag, beim Abzweig zu einer großen Kaserne weiter oben,
landein?
Nein, ich gehe schnellen Schrittes hinab in die Senke, dann wieder hügelauf,
geblendet von der südenglischen Szenerie einer Weizenfelderhügellandschaft mit
Bäumen und dem gelegentlichen Traktor auf dem Feldweg. Die Gegend nahe der
Westspitze Samothrákis, wo der Inselflugplatz gebaut werden könnte –
theoretisch. Man müsste viel einebnen, aber es ginge, nevertheless.
Der nächste sanfte Abstieg zielt bereits auf die heimliche Inselhauptstadt:
Kamariótissa.
Eine Straßeneinmündung, die Straße von Chóra her, 400 m runter, und schon
bin ich im Außenbereich des kleinen Küstenortes. Mein Stock muss noch einmal
wild gewordene Hunde abwehren, das Los des einsamen Wanderers.
Die Hunde füttere ich dann abends mit den Überresten meiner Mahlzeit.
Der Abend ist wieder ein wenig kühl, aber ich probiere ein anderes Kafenío
aus, das rechts von der Hauptstraßeneinmündung, wenn man von den Bergen
reinkommt in den Ort.
Der Wirt ist echt nett, hat auch Verbindungen nach D. Ich sitze und schaue zu,
auf der anderen Seite der Einmündung das Kafenio mit den Taxis davor – sind
nicht viele, maximal vier, wenn ich mich recht erinnere.
Ouzo mit Mezé – aber nicht die Qualität wie im limnischen „Äjäo“. Aber
ehrlich und kein Beschiss wie anderswo auf der Insel.
Unmittelbar nebenan ein weiteres Kafenio, dann gleich ein Sacharoplastío (hier:
Konditorei-Café), beide mit viel Außenbestuhlung.
Irgendwie gefällt’s mir jetzt, inzwischen (enzwescha), trotz der
Verlassenheit.
Schön ist es beim Abendessen in der Psistaría 50 m hügelan von der westlichen
Hafenstraße aus. Sogar ein reiner Kindertisch mit bescheidener Zeche wird
bedient. Mein Braten aus dem Ofen ist wirklich lecker.
Tschaule!
Der zweite Tag
Ein stiller, erholsamer Sonntagmorgen, nicht besonders warm. Über den Platz vor
der Kirche mit seiner Blumenpracht und den vielen Schnecken nähere ich mich
wieder dem netten Bougátsa-Lokälchen, das flankiert wird von dem Motorrad-,
Roller- und Fahrradverleih gleich jenseits einer Seitenstraße, ebenfalls an der
ruhigen Hauptausfallstraße und direkt gegenüber der Kirche. Wenn ich länger
geblieben wäre, hätte ich mir bei diesen Leuten bestimmt ein Mountainbike
ausgeliehen.
Bereits bei meinem zweiten Bougátsa-Kréma-Frühstück werde ich mit einem Lächeln
begrüßt und wie ein Stammkunde behandelt.
Ein Militärauto hält, die Jungs holen sich was zum Naschen.
Gottesdienstbesucher verlassen in Scharen das Gotteshaus, einige davon setzten
sich zu mir auf die Terrasse.
Am Vorabend hab ich im Lebensmittelladen eines alten Herrn auf der anderen Straßenseite
fürs Zimmer eingekauft, und er hat sich bald auf Deutsch mit mir unterhalten,
der aus dem schwäbischen Exil Heimgekehrte. Seine Preise waren so günstig, im
Vergleich mit den Getränkepreisen der Kafenía.
Geizig bin ich nicht, aber bei einer so weiten Rundreise muss ich schon auf mein
schmales Budget achten, denn alleine die Fähren- und Taxikosten summieren sich
doch auf eine beträchtliche Summe.
Jetzt hat es mich wieder auf eine Insel verschlagen, auf der ich zumindest am
Wochenende auf Taxis oder ein Leihfahrzeug angewiesen bin, um herumzukommen.
Denn sonntags geht gar nichts mehr mit Bussen, höchstens noch in die Chora (?).
Also noch auf einen Kaffee vor zur Uferpromenade, zu meinem Eck-Kafenío und ein
Taxi abpassen. Bald bin ich an der Reihe – es haben nur zwei Parteien vor mir
gewartet, aber Taxis sind nicht immer da, meistens unterwegs.
Froh bin ich, dass ich keinen Mercedes-Fahrer erwischt habe, denn die müssen
doch erst recht ihre Arbeitsmittelanschaffungskosten über die Kunden
hereinbringen.
Nein, mein Fahrer ist ein unauffälliger, ruhigerer Typ namens Panajótis
(hoffentlich erinnere ich mich richtig, er ist jedenfalls in Lákkoma zu Hause)
mit einem weniger auffallenden Auto.
Er bringt mich für ein bescheidenes Entgelt mitten in die Ortschaft Profítis
Ilías am SW-Rand der Berge. Wieder geht es durch das hügelige Getreideland des
Inselwestens, schließlich oben vorbei an Lákkoma, einem recht großen Dorf
nicht mehr weit von der Südküste weg, wo man sich aber noch wie mitten im
Binnenland fühlt. In einigen Serpentinen führt die gute Teerstraße in das
angeblich beliebte, sehr grüne Ausflugsdorf hinauf.
Beim Kafenío und der OTE-Telefonkabine zu Füßen der am späteren
Sonntagmittag offensichtlich beliebtesten Taverne (mit wenig Aussicht) steige
ich aus und versichere Panajóti, dass ich ihn für die Rückfahrt anrufen
werde. Bei seinen fairen Preisen ist das keine Frage.
Insgesamt gibt es vier Tavernen, alle an der jetzt, im Mai, kaum befahrenen
Durchgangsstraße gelegen, alle mit großen Grills irgendwo am Rand, machen
Profitis Ilias zu einem gastlichen Ort. Einem aussichtsreichen noch dazu, denn
von den Terrassen wenigstens dreier Tavernen – besonderes der einen am östlichen
Ortsende - blickt man weit hinaus über die südliche Inselflanke.
Die Straße entlang sammle ich erste Eindrücke von dem netten, durch viele
Pflanzen aufgelockerten Ortsbild. Beim östlichen Ortsende eine Sendestation,
gegenüber erkenne ich den Beginn eines Fußpfades hinein in die Oliven. Den
schlage ich ein, endlich wieder einmal so etwas. Wenigstens ein paar Minuten die
Düfte, die Aromen genießen, den Anblick von Grün und Erde, und sich die
wanderbeschuhten Füße vertreten. Der schmale Pfad ist nach meinem Geschmack,
verzweigt sich.
Um die Ecke merke ich, dass ich über kurz oder lang auf einem der wesentlich
tiefer gelegenen Feldwege landen würde. Girlandenartig führt eine fernere
Hochstraße weit über mir um die Bergflanken herum irgendwo hinter. Es ist
bestimmt die Straße von der Abzweigung am oberen östlichen Ortsrand, schon an
der Waldgrenze.
So kehre ich lieber um, tipple auf der Teerstraße in die Ortschaft zurück,
wende
mich bei der ersten Gelegenheit nach rechts und schwitze die sehr steile
Hangstraße hinauf, umgeben von Grün und Gärten, den ersten hohen Bäumen,
einem klaren Bach mit sehr frischem, kaltem Wasser.
Hier gibt es sogar ein frei stehendes Haus mit Fremdenzimmern, alles ist noch
verschlossen. Die Aussicht ist vom Allerfeinsten. Die Ruhe perfekt. Erholsamer
Heilschlaf garantiert.
Neugierige Blicke hinter verschlossenen Fenstern streifen mich, den Eindringling
in die Dorfgemeinschaft. Manch resolutere Frau tritt auch vor die Tür, mich aus
20 m Entfernung zu mustern, meinen Gruß in Empfang zu nehmen.
Ein herrliches Dörfchen! Schon der Spaziergang durch seine steilen Gassen ist
eine Erholung für Auge und Geist.
Ganz oben angelangt, rechts zweigt eine hangparallele Straße weit hinaus in den
Osten ab, wende ich mich nach links, gehe weiter zwischen einem Hühner-,
Ziegen-, Schaf- etc. -Stall mit Hundebewachung und einem bergwärtigen dichten
Eichenwald - die Sorte Velanidiés mit den ganz kleinen Blättern.
Unter hochgewachsenen Platanen kommt gleich unterhalb meiner Staubstraße dorfwärts
eine im großen Stil eingefasste Quelle aus dem Berg heraus.
Alles ist weiß gekalkt, auch die Kapelle daneben. Trotz des Unrats im Wasser
ist es ein geheimnisvoller, heiliger Ort, an dem ich im Schatten der Baumriesen
Rast mache.
Nach einer Viertelstunde meditativen Schauens wandere ich gemächlich den
Feldweg direkt am oberen Ortsrand weiter, hin zu einer Kapelle westlich außerhalb
des Dorfes. Wieder eine kurze Ausblicksrast.
Dann gehe ich den Weg zurück, der mir besser gefällt als die Teerstraße, auf
die mein Weg in Kürze getroffen wäre.
Jetzt auf einmal melden sich alle Ortshunde mit lautem Gekläff, obwohl ich mich
ihnen gegen die Windrichtung nähere. Kleine Stimmen, größere Stimmen.
Der Straßenblinddarm unterhalb der großen Quelle führt mich nur zu einigen Häusern
mit immer mehr gegenseitig alarmierten Kläffern. So entscheide ich mich für
dieselbe Route zurück, hinunter zur Tavernenstraße.
Vor dem Haus oberhalb des Fremdenzimmergebäudes steht eine Großmutter auf der
Terrasse. Die frage ich, wie die Bäume heißen, die ich gerade gesehen habe,
zeige ihr ein Blatt. Die Tochter gesellt sich zu uns.
Als ich mich nach den Zimmern nebenan erkundige, wollen sie mir eines für 20
Euro anbieten, sagen, auch im September/Oktober – meinen möglichen
Wiederkommenszeiten -koste es nicht mehr. Sie hätten sogar die Schlüssel eines
Hauses, das Deutsche hier besäßen, passten darauf auf.
Aber ich habe mich schon in Kamariótissa eingemietet, würde nichtsdestotrotz
gerne einmal zwei Tage hier oben wohnen. Für Autofahrer könnte dieser Ort als
gutes, ruhiges Standquartier dienen.
Wieder steil bergab, bis ich auf der Durchgangsstraße angelangt bin. In der östlichsten
Taverne wird bereits das Grillfeuer angefacht, Gäste fehlen noch.
Ich gehe zurück zum Kafenío und setze mich draußen an einen der Tische. Der
Wirt, ziemlich vom Leben enttäuscht aussehend, versucht auf meine griechischen
Fragen in fast unverständlichem Deutsch zu antworten. Ich wollte nur wissen, wo
man hier am besten isst. Er meint, er selber habe nichts zu essen (- na, soo
schlecht sind meine Griechischkenntnisse auch wieder nicht!). Nachdem ich
mehrmals nachgehakt habe, bedeutet er mir schließlich, ich solle direkt gegenüber,
in dem Terrassenlokal (ohne große Aussicht) über der Telefonzelle, einkehren,
denn da „kriegte ich was geschenkt“ – es sollte die Kleinigkeit von süßer
Nachspeise sein.
So begab ich mich also in jenes Restaurant, das schon von außen stärker
herausgeputzt wirkt als seine Konkurrenten. Zwei Tische waren schon besetzt, und
nach und nach kamen noch zwei, drei „Parées“, Freundesgruppen bzw.
Kleinfamilien von Einheimischen, und ein deutsches Ehepaar. Das Lokal scheint
bei den Samothrakiern einen guten Ruf zu haben.
Instinktiv hatte ich ein ungutes Gefühl, als ich die Hausherrin und Bedienung
zum ersten Mal sah. Ihr Gesicht kam mir vor wie das einer Gierigen, Habsüchtigen.
Ihr Essen, – in der Küche steht der Ehemann – war fantastisch. Paidákia,
lamb chops, hatte ich bestellt, mit Endiviensalat und einem halben Liter
Hauswein vom Fass. Eine Mahlzeit aus dem Dorf, sozusagen, bis auf den Wein.
Dazu wurde ein Litergefäß köstlichen Quellwassers gereicht, für das der Ort
Profítis Ilías berühmt ist.
Das Essen war mit den besten Zutaten bereitet, man schmeckte es sofort.
Die Rechnung wurde mir als Fremdem mehrmals „überbürstet“, die Preise
mehrmals mit Kugelschreiber überschrieben, präsentiert – so als tappe man
hier als Chefin des Hauses im Dunkeln, was den Preis für Paidákia und Maroúli
Saláta anbelangt. Nicht unplump, muss ich sagen.
Das Fleisch alleine kostete nach endgültigem Ratschluss der Wirtsfamilie 10
Euro. Insgesamt zahlte ich an die 18 Euro für mein schlichtes Mahl. Verständlicherweise
habe ich ausnahmsweise kein Trinkgeld gegeben. Ich weiß, was ich auf Kreta für
dasselbe bezahle: die Hälfte.
Wäre ich doch zu der so sympathisch aussehenden Frau in der ersten Ortstaverne
nebenan gegangen!
Nach diesem Ausrutscher zog es mich schnell weg von dem Brennpunkt des
personifizierten Wuchers.
Unweit bergab hat man schon bald das Dörfchen Kastélli erreicht. Dort werden
die Wege staubig, verzweigen sich viel stärker als auf jeder Landkarte
ersichtlich, und man frägt sich am besten durch.
Ich wollte meinen Frust durch weites Laufen abbauen, irgendwann würde ich mein
Taxi holen (lassen) oder zurückzutrampen versuchen.
Es war nicht nur Frust, ich wollte mir auch einen möglichst umfassenden ersten
Eindruck von der Inselsüdseite erwandern und hatte noch reichlich Power in
meinen Gliedern.
Fast genau zwischen Lákkoma und Dáfnes landete ich über irgendeinen, an ein
paar verlassenen Häusern inmitten von Olivenhainen vorbeiführenden Feldweg
wieder auf der Teerstraße. Ich war im absoluten, allumfassenden Olivengebiet
angekommen. Hunderttausende von Eliés, ein Meer von ihnen, das prägende
Merkmal des Südens von Samothráki sind die Ölbäume. Ein Meer, ein das ganze
Land bedeckender wahrer Ozean von Ölbäumen. Da soll noch einmal jemand vom
„kahlen Süden“ und vom so üppigen Norden reden. Der reinste Schwachsinn.
Richtig ist vielmehr: im Süden Kultur-, im Norden eher Naturlandschaft.
Das Ortsschild von Dáfnes hielt ich für einen Irrtum. Das müsste doch schon
Kitáda sein, oder? Nur ein kleines Mädchen zeigte sich in einem Garten, es gab
mir keine Antwort.
Weiter also nach Kitáda. Bei jedem neunen Taleinschnitt mit entsprechendem
Fluss, jeder neuen überwundenen Steigung, angesichts jeder sich anschließenden
weiteren Senke dachte ich: das kann doch nicht sein, Kitada, so, wie es auf der
Inselkarte eingetragen ist, müsste doch schon längst HINTER mir sein!
Ein aus der meerwärtigen Olivenseite auftauchender Mann mit Esel versuchte mir
schließlich die Erklärung für meinen Irrtum zu geben.
Ich hätte vielleicht an der Kartenlegende erkennen können, dass hier streng
zwischen „large village“ und „province with less than 1,000 residents“
unterschieden wird. Unter „province“ = «οικισμός»
versteht der Kartenmacher im dechiffrierten Klartext eine weitest verteilte
Streusiedlung mit 20 bis 50 Einwohnern, das stimmt dann insofern, mit den
„weniger als 1.000 Einwohnern“! Die gute Französin hatte mir von „ihrem
Dorf“ erzählt, wahrscheinlich ist es ein Häuschen draußen in den Oliven.
Aber alle Irrwege haben auch ihren Sinn. Man wundert sich über diesen
unglaublichen Wasserreichtum. Jeder noch so kleine Taleinschnitt hat seinen Bach
voller Gebirgsfluten. Wohlgemerkt: auch auf der Südseite! Der Unterschied zur
Nordseite sind vielleicht die gelegentlichen Wasserfälle dort. Hätte ich mir
die Gewässer aus der Nähe angesehen, ich wäre vielleicht immer wieder auf
Schildkröten, Kröten ohne Schild und (Wasser)Schlangen gestoßen, wie sie hier
zu erwarten sind.
Nicht so oft, doch immer wieder mal, kommt ein Bauernlaster an mir vorbei, voll
beladen, sodass für mich kein Platz ist. Ein einziges Touristenauto zieht seine
Bahn an mir vorüber dem fetten Sandstrand von Pachiá Ámmos zu.
Es handelt sich um eine entlegene Gegend, man findet sich verloren zwischen den
nicht enden wollenden Olivenhainen, die Straße führt unbarmherzig weiter und
weiter, auf und ab.
Ich glaube nicht, dass sie direkt zum Kloster Panagía Kremniótissa führt (-
das entsprechende Riesenschiff der SAOS Lines heißt übrigens „Panagia
Krimniotissa, also mit „i“ statt „e“-), diese Asphaltstrasse. Bei dem
letzten Bauernhof, bevor es offenbar richtig bergab geht und sich der
Blickausschnitt auf die türkische Imbros-Insel auftut, sieht man oben am
Berghang auch dieses Marienkloster als Verheißung der wegmäßigen Erlösung.
Es ist bestimmt nicht am Ende der Straße gelegen, wie es die ansonsten ganz
gute Karte im Maßstab 1 : 50.000 suggeriert. Denn die Straße runter zum langen
Sandstrand ist längst fertig.
Wie mir der Bauer, der mich schließlich hinten auf die zwanzig Heusäcke seiner
Ladefläche aufsteigen lässt, später im Kafenio von Lákkoma sagt, wäre es
noch ein ganz schönes Stück Weges hinunter zum Strand gewesen. Ich hätte
recht getan umzukehren. Zum Baden viel zu kühl, das Wasser.
Im Sommer fahren übrigens öffentliche Busse hinter nach Pachiá Ámmos, wo
sich dann auch eine geöffnete Taverne befindet. Spätnachmittags wird man
wieder abgeholt. Nur - im Mai fährt leider gar nichts.
Ein holpriger Weg zurück. Jetzt spüre ich, trotz der Heuunterlage, alle
asphaltlosen Querrinnen in den so kleinen Taleinschnitten. Irgendwann kommen wir
in einem großen Dorf an. Als ich frage, wo wir sind, heißt es laut: „Lákkoma!“
Vor versammelter Kafenio-Besatzung steige ich von der Ladefläche. Der Bauer,
mein Transporteur, ist sehr selbstbewusst. Freut sich wohl ein wenig, kurz im
Mittelpunkt zu stehen, obwohl er generell keine Probleme mit dem
Selbstbewusstsein hat. Ich will ihn auf was einladen. Statt dessen lädt er mich
ein.
Ich spreche von meinem Taxifahrer Panajóti, und mein Landwirt fordert mich auf,
gleich von der Telefonkabine vor dem Kafenio aus anzurufen, der Herr sei aus dem
Ort und gerade in seinem Haus. Ich rufe an und es klappt, nach 5 min ist
Panajotis vor dem Kafenío. Reiner Zufall, meint er, denn normalerweise sei er
nur nachts zum Schlafen in Lákkoma.
Auf dieser Rückfahrt nach Kamariótissa erzählt mir Panajotis, dass er lange
in Deutschland gearbeitet hat, wie praktisch jeder hier. Ich hätte auch Deutsch
mit ihm sprechen können. Wir bleiben aber bei Griechisch - ich überfordere
mich gerne etwas.
Sichtlich betroffen ist der ehrliche Kerl als er erfährt, wie viel ich bei der
Habgierigen in Profíti Ilía für das Mittagessen bezahlt habe. Entschuldigend
erläutert er mir den horrenden Preis, den jeder nun schon für ein Kilo Fleisch
beim Metzger/Fleischer/Schlachter/Fleischhauer bezahlen muss.
Der Durchschnittstagesverdienst eines Griechen liege bei 35 Euro ((netto oder
brutto?)). Niemand komme mehr mit seinem Geld aus. Der Euro sei für die
Griechen ein Fanal, ein noch viel schlimmeres als für uns Deutsche, alles laufe
seit seiner Einführung zum Schlechteren hin. Alle in GR seien unzufrieden.
Nicht einmal ein Trinkgeld will Panajotis akzeptieren, bei etwa 6 Euro Fahrgeld.
Doch ich bleibe hart, es waren heute schließlich schon zwei Fahrten, und
wenigstens einmal soll er deutlich mehr kriegen.
Als wir in Kamariótissa ankommen, legt gerade die „Nissos Limnos“, von
Alex’poli her kommend, an.
Die Deutschen, die am Vortag mit mir von Limnos aus angereist waren, steigen nun
wieder aufs Schiff, ihr Ausflug ist fast zu Ende. Ein Bus mit einer holländischen
Reisegruppe fährt an Land. Die Leute werden wohl irgendwo im Inselnorden
untergebracht, denn ich sehe kurz darauf niemand von ihnen mehr im Ort.
Vielleicht hat sie auch eines der drei Hotels vor dem östlichen Ortsende
verschluckt.
Nach meiner Dusche setzte ich mich wieder ins Eckkafenio bei der Einmündung der
Chora- und Südliche-Inseldörfer-Straße, auf einen Ouzo. Unweit von mir, bei
der östlichen Konkurrenz, hat ein Paar Platz genommen, das mir bekannt
vorkommt. Schon ihr älteres Baujahr von rotem Mercedes mit Karlsruher Nummer
hat mich auf sie aufmerksam gemacht.
Mit denen hab ich schon zweimal auf Kárpathos gesprochen. Es wird wohl bald
eine Neuauflage des Thassos-und-Samothraki-Führers geben (?).
Da ich mich nicht aufdrängen will und mir vorstellen kann, wie Leute reagieren,
die ständig als die tollen Autoren erkannt werden, denke ich, es hat Zeit bis
morgen. Da seh ich die beiden aber einfach nicht mehr. Ich hab wohl die andere
Richtung gewählt, die falsche Inselseite.
Der dritte Tag
Schön wird er werden, der Tag! Alle Busverbindungen (mit dem einen von vier
Bussen, versteht sich) sind heute, Montag, aktiviert, und was will man mehr?
Eine beschauliche halbe Stunde beim nun anwesenden Kafetzí neben dem Zeitungs-
etc. –Laden. Dann die Bougátsa, dann noch ein Kaffeechen im Taxi- und
Busfahrerkafenio (Neues ausprobieren), wo ich dem Buslenker sehr nahe bin.
Er erhebt sich, und ich trotte ihm nach. Noch ein Paar, Touristen, und ein
griechischer Fahrgast und Bekannter des Odigós beleben die Passage nach Therma/Loutrá.
IM INSELOSTEN
An der Abzweigung von der Küstenstraße nach dem nahen Loutrá bitte ich um
einen Stopp, springe aus dem Bus und mache mich auf den Weg nach Ost. Hinter mir
diskutiert das Paar eine Weile mit dem Busfahrer, steigt dann ebenfalls aus und
folgt mir. Ich hatte sie offenbar indirekt auf eine Idee gebracht.
Wie anders diese Seite, der Inselnorden, doch erscheint, im Vergleich zum Süden,
dem Olivenland, das ich gestern zum Teil erwandert habe.
Auf der heutigen Seite stehen völlig andere Pflanzen, die Vegetation ist total
verschieden von der jenseits der Berge. Da ich mich hier freiwillig dem Gebirge
viel mehr nähere, werde ich sogar unterschiedliche Vegetationsstufen hautnah
erleben.
In zügigem Tempo staune ich Kilometer für Kilometer die recht breite und fast
gar nicht befahrene Teerstraße entlang. Überall Farne. Platanen, salzliebende
Pflanzen in richtigen Dickichten. Immer wieder überquert man Bäche mit fast
alpiner Stein- und Kieselszenerie. Ein Touch einiger Stellen der Nordseite von
Samos, denke ich.
Zum nahen Meeresufer sind es maximal 100 m, das erste Stück. Kleine Stichwege
verleiten hier bestimmt Wohnmobilfahrer zum Dauerparken unter dem Blätterdach.
Doch hier hinten bestehen die Strände bestenfalls aus großen, abgeschliffenen
Steinen. Nicht unbedingt das Paradies für Strandfreaks. Wenn man mal auf eine
grobkiesige Partie trifft, kann man sich wirklich freuen.
Dieselbe Üppigkeit auf der bergwärtigen Seite, eher noch viel mehr! Eine
breite Gebirgsfußfläche liegt hinter dem ersten Busch- und Platanenwald. Die
Berge treten stark zurück, sind erst nach etwa einer halben bis dreiviertel
Stunde Fußmarsch erreicht. Auf den paar Feldwegen, die ab und zu Richtung Berge
führen, geht es bestimmt etwas schneller.
Zwei Militärfahrzeuge zockeln mir entgegen.
Aber der Reihe nach, με τη σειρά!
Zuerst, vielleicht 1 km nach dem ersten Abzweig, wo ich den Bus verließ, gehe
ich an einer weiteren Abzweigung nach „Therma“ vorbei – sie ist auf der
Inselkarte (Σαμοθράκη –
Τουριστικός
Χάρτης. Κλίμακα
1:50.000) noch nicht eingetragen, wie auch die weiteren Feldwege. Ich nehme an,
die bombastische, breite Teerpiste inmitten der Einöde führt in großem Bogen
ebenfalls zu dem Örtchen Loutrá = Therma. Kann sein, dass ein Hotel vorab den
Straßenbau rechtfertigt – ich bin die Strecke nicht gegangen.
Schon zum zweiten Mal fährt dieser weißliche VW-Bus mit südwestdeutschem
Kennzeichen an mir vorbei.
Links taucht der erste Campingplatz auf. Ein verlassener Sportplatz gegenüber,
neben der Staubstraße zu einer Forstverwaltungsstelle und irgendeinem Weiler.
Gleich hinter dem Eingangstor wird schon für die Saison geputzt. Eine
Telefonkabine sehe ich, einen Minimarket im oder beim Empfangsgebäude, zwei
drei Arbeiter. Blicke über den Zaun des wirklich lang gezogenen Platzes, der
mit reichlich Bäumen, einem richtigen Wald, gesegnet ist. Zwischengestreute
Dusch- und Toilettenbauten gliedern das Waldgebiet. Am Platzende bald eine
Lichtung für Wohnmobile – es ist nur keines da. Darf wohl auch nicht, wegen
der Brandgefahr, wie man liest.
Einige Häuser linkerhand. Ein neu gebauter „Tempel“ auf offener Wiese,
Stolz seiner Eigner, hässlich wie er sein mag. Es ist die Stelle, wo ich an
diesem frühen Vormittag noch Tausende dieser kleinen Frösche, wahre
Miniaturen, auf der Straße antreffe - zuletzt habe ich so eine
Minifrosch-Kongregation auf einem Feldweg im Schilfgebiet des Neusiedler Sees (Nähe
Wien) südlich von Illmitz angetroffen, wir trauten uns auf unseren Rädern kaum
weiter, um die 2 bis 3 cm großen Geschöpfe nicht zu überfahren.
Eine feuchtere Stelle, jedenfalls, neben der Straße. Auf dem Rückweg würde es
bereits zu warm sein für ein erneutes Treffen mit den Quäker-Kids.
Wen aber treffe ich denn da, gleich nebenan und wenig später? Auf einem eingezäunten
Grundstück auf der Meerseite mit Bäumen zur Straße hin stehen zwei
orangefarbene deutsche Straßenbauwagen der alten Sorte, Modell „unsere
Kindheit“, aber neu gestrichen, 25-km-Schildchen (rund) drauf, zugehöriger
Schlepper fehlt. Daneben der weißliche VW-Bus. Die glücklichen Besitzer halten
sich im Freien neben ihren diversen mobilen Bleiben auf. Frau hat gerade
geduscht. Mann lässt sich fragen, wie er denn das geschafft habe, gut 1.500 km
weit zwei solche Getüme aus BW hierher zu schleppen??? „ADAC“, ist die
knappe Antwort. „Tieflader.“ – Statt Hausbau, denke ich. Sieht nicht gut
aus, ist jedoch eine praktische, Kosten sparende Lösung. Diese verrückten
Deutschen! Auf Ideen kommen die.
Wieder in unberührteres Gelände, weiterwandern. Der Asphalt stört nicht.
Meine beiden Verfolger sind längst nicht mehr zu sehen. Dieselben Natureindrücke
wie vorher. Links und rechts. Morgenstille.
Nach Kilometern ist die Parkfläche vor dem Mörder-Fluss erreicht, unweit davon
befindet sich der zweite Campingplatz. Endlich am Foniás-Fluss angelangt.
Der Weg den Bach entlang, über ihn rüber, wieder zurück, gestaltet sich nicht
ganz unschwierig. Es ist nämlich total schlammig, noch gegen Ende Mai. Wie
Januar/Februar in Oberbayern, ähnlichen Bachufern folgend. Eine Überraschung.
Im Schlamm waten. Wenn das so weitergeht! Weiter geht es nach der Kletterei über
den Baumstamm, der als Brücke über den Wassern dient, dann bald nur mehr am
rechten Ufer, in Fließrichtung, also am linken in Gehrichtung, bergwärts. Die
Wegmarkierung ist überdeutlich. Entscheidungs-Störungen treten auf, als eine
zweite Farbe eine Alternative links über dem Ufer signalisiert, die ich nicht
gehe.
Wo sind die vielen Schlangen, die Wasser- und Landschildkröten, auf die ich so
gespannt bin? Nichts zu sehen! Zu schnell will ich weiter, das ist wohl die Erklärung.
Höchstens eine knappe Stunde dauert es, bis ich an der Wasserpfanne unterhalb
des imposanten Kataraktes angelangt bin, wo man stehen soll, bleiben und
betrachten. Sich freuen und die Sondersituation auskosten.
Niemand anders ist da. Ein Warnschild. Zum zweiten Wasserfall irgendwo da oben
im Fels, der hier jäh beginnt, sei es wirklich gefährlich! Nichts für Ungeübte.
Ha, erst einmal über das Wasserbecken zu Füßen der Kaskade rüberkommen!
Ach, deshalb die provisorischen Latten auf zwei Steinen im Wasser. Ist aber
nicht so einfach, da trockenen Fußes zu passieren. Die hohen Gummiwulste meiner
neuen Wanderstiefel tun ihren Dienst. Mein Teleskopstab ist wieder einmal
unersetzlich, der Wassergeeignete, wie auch gleich nachher, als es sehr steil
durch einen Einschnitt im Fels bergauf geht. Ohne diesen Stock wäre der
Aufstieg wirklich mühsam gewesen. So ist es relativ ungefährlich, ohne ihn wäre
es ein gewagtes Unterfangen geworden, das man tunlichst nicht alleine auf sich
nehmen sollte!
Ein bisschen klettern, dann geht es auf Erde weiter, unter Bäumen, steil,
steil. Den Wanderstab reinstemmen ins Erdreich. Oben quer über die Lichtung,
den Hang nach links, rein in ein Wäldchen, bald wieder raus und weiter hoch.
Wieder links auf einem Pfad auf Felsen zu. Dahinter endet der Weg abrupt. Hinter
der Engstelle bei einem großen Felsen kommt ein Steilabfall, von dem aus der
obere, zweite Wasserfall da hinten einigermaßen gut sichtbar ist.
Man fühlt sich bereits sehr weit oben, genießt eine superbe Aussicht. Der Hang
gegenüber, mit Wald, Portal zu höchsten Höhen. Die Schlucht. Die höheren
Berghänge. Gipfelfetzen. Das Bergvorland. Das Meer. Ein Schiff, das sich der Küste
nähert.
Bestimmt kann man durch den Wald noch höher steigen, vielleicht findet sich
bald ein weiterer Pfad. Doch mir reicht’s erst einmal, ich glaube mich schon
im Hochgebirge, klopfe zumindest unten an. Alleine will ich nicht weitersteigen
ins Unbekannte.
Irgendwie gut, zum ersten Mal guck ich nicht ständig in einen Reiseführer, ich
hab nur einen australischen mit, der überhaupt nicht ins Detail geht, was
Wanderungen auf Samothráki betrifft. Wie schön, einfach mal draufloszugehen,
frei nach Schnauzrichtung, ohne Vorschriften!
Was mich fasziniert, sind die eigenartigen Bäume, richtige Wälder aus
knallrotstämmigen, sehr kleinbrättigen, 3 bis etw 5 m hohen (für mich)
Exoten. Sie sehen alle aus wie angemalt, doch es ist eine Naturfarbe, ohne
menschliches Zutun. Schön, einmal so etwas sehen zu können. Ohne eine
Menschenseele rundherum. Es fehlt eigentlich nur ein (kretischer) Bergadler,
oder ein herumtorkelnder Geier (wie am Sweetwater Beach, Gliká Nerá, westlich
von Chora Sfakíon, Südwestkreta).
Zurück gehe ich einen anderen Weg. Schon beim Aufstieg hab ich einen Pfad auf
den Hang reinkommen sehen, der vielversprechend ein gutes Stück westlich des
Foniás-Bachtales ins küstennahe Land zu führen scheint. Ich folge ihm einfach
mal.
Nach den Höhenwäldern kommt sehr bald freieres Gelände. Sanfter geht es
bergab. Dann ist eine Weidelandschaft erreicht, durchsetzt mit vielen Eichen,
teils Wäldchen, meist aber nach wie vor offenes Land. Viele ehemalige,
zusammengefallene Mäuerchen werden immer wieder von den sich vielfältig
verzweigenden Pfadarmen als Stolperschwellen überquert. Man überlegt, ob es
besser ist, sich näher an der Kante zum Flusstal zu halten oder sich weiter
nach West driften zu lassen, nimmt meterweise irgendeine der sich anbietenden
Wegalternativen.
Ziegen, wie ich sie in ihren typischen Farben im Foniás-Tal laufen sah, sind
nun hochgeklettert und ziehen etwas rechts von mir durch die Gegend. Ich bleibe
in Nähe der Abbruchkante, vielleicht maximal 300 m von ihr entfernt.
Fast habe ich vergessen zu erwähnen, wie unglaublich schön es hier ist, in
diesem Zwischenlandstrich. Hinten Hochgebirge, vorne gut abgeschottete Küste.
Kargheit, eine Herde Schafe oder Ziegen in der Ferne vor einem Wald. Absolute
Stille. Kein anderer Mensch irgendwo. Und ich befinde mich so nahe an der Küstenstraße!
Steinige Ebene, Bäume, Naturwiesen, Grün, Wildheit. Trotz Weide eine ungezähmte
Gegend, für meine Begriffe.
Hatte der Grieche hinter der Theke auf der „Nissos Limnos“, der so lange mit
einer Deutschen verbunden war – und deshalb so gut unsere Muttersprache
spricht, doch (teilweise) Recht? Es gebe nur EINE allerschönste Insel in
Griechenland, seine Heimatinsel: Samothráki! Sympathischer Chauvi, hatte ich
zuerst gedacht.
Aber Kreta ist doch alles in allem noch großartiger, trotzdem. Es besteht halt
aus vielen Samothrakis (nicht ganz so, denn S. ist natürlich schon was
Besonderes!), hat wegen seiner Ausdehnung viel länger mehr zu bieten. In erster
Linie für den, der sich hinaus- und vor allem hinaufwagt in die Berge und ihre
Hochebenen. In die entlegeneren Gegenden, wo man noch autofrei wandern kann.
Lichtes Gehölz, eine Feldwegkreuzung taucht auf. Um zur Straße zu gelangen,
gehe ich den Weg geradeaus weiter. Ob es wohl einen Durchlass durch den Zaun
gibt? Ja, bald finde ich das offene Tor und bin schon auf dem Rückweg nach
Therma.
Kleine Trinkpause unter Baumriesen neben einem die Straße unterquerenden Fluss.
Überall die großen, abgerundeten, zurechtgeschliffenen Steine. Richtige
Becken, Wasserpfannen in solchen Bächen.
Kleintümpel neben der Straße, aufgestautes Wasser mit Kaulquappen, kleinen Fröschen.
Am Campingplatz wieder die in aller Ruhe vorangehenden Reinigungsarbeiten. Eine
Arbeitsidylle, man hat noch lange Zeit.
THERMA/LOUTRA
Vorne an der Abzweigung, wo ich aus dem Bus gestiegen bin, biege ich in die
Stichstraße nach Loutrá ein. Auf dem überflüssigen Gehsteig der einen Straßenseite
ebenso überflüssige hohe Straßenlampen, deren Pfosten jeden Fußgänger zu
Ausweichmanövern zwingen.
Noch vor dem Örtchen liegt rechterhand das Badehaus, klein, bescheiden und
ungenutzt, davor fließt ein gurgelnder Gebirgsbach.
Der Bach begrenzt die Freiterrase des Platanen-Kafeníos vor dem Ort. Es wurde
inzwischen stark ausgebaut, alte Fotos zeigen es noch wesentlich kleiner. Heute
ist wenig los. Ein neues britisches Paar, sie in ihrer leichten Seidenbekleidung
und den kurzen Hosen allmählich frierend, wartet beim Bier bereits auf den nächsten
Bus, der hier wendet und in den Hafenort K. zurückkehrt und den auch ich nehmen
werde. Weiter in den Osten fährt im Mai noch kein öffentliches Verkehrsmittel.
Eine Runde drehe ich nun durch die schattige Ortschaft. Sie wirkt fast
ausgestorben, es ist Nachmittagsruhezeit. Am unteren Ende, wo es hinter geht zum
geschlossenen Hotel, haben ein Schnellimbiss mit Tischen unter den Bäumen und
nebenan ein Minimarket geöffnet. Im rechten Winkel davor gehe ich erst einmal
hügelaufwärts,
passiere lauter kleinere und größere Pensionen. Nur auf einem, zwei Balkonen
sehe ich Handtücher und Wäsche von Gästen. Auch hier tote Hose, von der
Atmosphäre her noch viel schlimmer als in Kamariótissa.
Hier herrscht zusätzlich eine himmlische Ruhe, leider gepaart mit einer
typischen Am-Ende-der-Welt-Stimmung. Auf der waldwärtigen Seite dieser
randlichen Dorfstraße eine Unterkunft quasi im Wald, wohl eher ein Restaurant,
in der Saison – wirkt ein bisschen wie ein Jugendlager. Oben drehe ich nach
links, bis es in einer Sackgasse nicht mehr weitergeht. Schöne Zierpflanzen säumen
meinen Weg, einige verfallende Bauten.
Irgendwo schräg weiter, quer durch die verschlafene Siedlung. Einmal ist jemand
zu sehen, der in aller Ruhe einen Zaun streicht. Die Tavernen wirken alle dicht.
Es sind auch keine Kunden da. Vor einem der Häuser mit Fremdenzimmern traut
sich eine Frau mich anzusprechen, ob ich eine Bleibe suche.
Ich hab die Lust verloren, hier alleine im Schnellimbiss zu speisen und begebe
mich auf ein Bierchen ins Kafenío, freu mich auf den Moment, wo es weitergeht
per Leoforío. Es ist noch etwas Zeit, den Feldweg am Badehaus vorbei auf einen
Aussichtshügel mit Sitzbank zu nehmen, von der aus die Straße gut einsehbar
ist. Aber schon nähert er sich, mein Bus.
DAS ABENDGEWITTER
Zurück in Kamariótissa, beehre ich nach einer Dusche das Ecklokal meiner
Zimmerwirtin. Es ist zu dieser nachmittäglichen Stunde ganz gut gefüllt. Ich
ordere Garídes, krieg eine Menge frischer Meeresleichen.
Die Art, wie ich die Chitinschalen mit den Fingern entferne, bevor ich das weiße
Fleisch essen kann, amüsiert einen griechischen Nachbartisch, der sich kurz und
erstaunlich diskret darüber auslässt, dass der Fremde nicht wisse, wie man
Garides isst! - Die haben noch nie was von der italienischen Art gehört oder
gesehen, solches Meeresgetier aufzuknacken. Hier in Greece isst man die ganz
anders, nämlich GANZ. Ganz pragmatisch natürlich, ohne große Mühe. Das
Chitin schadet nicht, verdaut sich schon! Also, lasst es knacken, Leute.
Herumhängen im Kafenio, sich erneut etwas die Füße vertreten.
Abends kommt auf einmal ein starker Wind auf. Das macht mir unheimlich Lust,
mich hinaus zum knapp 2 km entfernten Westzipfel der Insel mit den
Windkraftwerken treiben zu lassen.
Dieser erfrischende „Windgeruch“, es riecht gleichzeitig nach Meer und nach
Pflanzen. Der Himmel im Südwesten verdüstert sich hin zu einem drohenden
Unwetter.
So recht nach dem Geschmack eines Luftwesens wie mir. Lehn dich in den Wind, stürz
dich in den Sturm, Windanbeter!
Hinaus aus dem Ort, immer am Ufer entlang. Auf das Betonmäuerchen neben der
Straße rauf, da geht es sich gut. Der letzte Wanderer kommt gerade noch
rechtzeitig nach Hause / nachhause.
Ein Nordoststurm braust aus der Ukraine heran, die Gewitterfront aber nähert
sich aus der entgegengesetzten Richtung: aus Südwest!!! Zum ersten Mal erlebe
ich so ein Phänomen. Ich traue meinen Sinnen nicht. Bei uns zu Hause kommt der
Wind immer aus der Richtung der Gewitterfront ... Hier auf Samothráki befinde
ich mich, wie es scheint, genau in einer der Aufgleitzone entgegengesetzten
Unterströmung, die aus Südwest einströmende Luft schiebt sich in größerer Höhe
über mich hinweg. Es ist eindeutig ein Frontengewitter.
Ich lasse mich also vom Wind hinaustreiben, die ersten leichten Tropfen fallen,
die Zigeuner bauen in Windeseile ihr Lager ab und fahren ihre Autos weg.
Bald hinter der Kapelle komme ich zu einer Land-Engstelle, schau mal runter zu
dem seichten See, der als flache Bucht bis fast zur Nebenstraße reicht, während
es auf der Nordseite auch nur wenige Meter sind zu den heranpeitschenden Wellen.
Der Regen wird zum Gießen, und ich muss Schutz suchen, es bleibt nur das kleine
Häuschen bei den Windrotoren, das eine überdachte Eingangsterrasse von ein
paar Quadratmetern Größe hat. Im starken Regen komme ich dort an. Wie gut,
einen Unterstand gefunden zu haben. Mein Thermokissen ist mir jetzt von Nutzen.
Ich breite es auf den Betonboden, setze mich dicht gegen eine Tür, gerade noch
außerhalb der herwehenden Nässe.
Das währt leider nicht sehr lange so, der Sturm treibt den Regen bis zu meiner
Sitzecke vor, Blitze zucken rund um mich ins Meer runter, und ich bekomme allmählich
Angst, mich so dicht an den eisernen Windrotoren aufzuhalten. Als ich aufstehe,
wird mein Sitzkisten sofort in die Landschaft gefegt. Ich stürze hinaus, finde
es zum Glück irgendwo eingeklemmt, werde ganz nass.
Eine Ortsveränderung tut Not, trotz und zugleich wegen der Blitz-Gefahr. Ich
wage es, eile die Straße vor zur Kapelle auf einer Anhöhe. Unter dem Vordach
der Kirche pausiere ich, fröstle, bevor ich mich hineintraue. Endlich zischt
ein Auto mit jungen Leuten an mir vorüber. Die wollen vielleicht auch einen
Kitzel erleben, da vorne. Kurze Zeit später sehe ich, dass die Windrotoren
stillstehen, soeben abgeschaltet wurden.
Draußen hat es gewaltig abgekühlt, drinnen finde ich die nötige Wärme,
versaue jedoch den schön geputzten Boden hinter der Eingangstür total. Die
Straße hat sich in eine Abfolge von Seen verwandelt. Matsch und Schlamm sind
die prägenden Elemente im Gelände. Seit gut 45 min regnet es.
Noch eine gute Stunde sollte ich mich beim Heiligen Nikólaos aufhalten, es
gewitterte und schüttete unaufhörlich weiter.
Auf Schuhabsatzspitzen stake ich zum Fensterchen hinter dem Altarraum vor, auch
einmal einen Blick Richtung Berge und Ort einzufangen.
Als es endlich heller wird, fällt mir ein, dass es doch einen REGENBOGEN geben
könnte!
In der Tat, meine Erfahrung gibt mir Recht. Durch das Fenster beim Altar tut
sich mir das Lichtphänomen in all seiner Großartigkeit auf. Ein
Riesenregenbogen spannt sich aus meinem Blickwinkel gleichmäßig über die
ganzen westlichen Berge, rahmt sie sozusagen ein. Ein göttliches Geschenk. Das
Abendlicht mild, es ist immer noch hell.
Durch den Schlamm und die Großpfützen suche ich mir einen Weg zum Ort zurück.
Meine Gedanken sind bei der armen Frau, die den kommenden Morgen meine erdigen
Fußspuren in der Kapelle aufputzen müssen wird.
Da werde ich mich schon an Bord der „Arsinó-i“ befinden, mit Kurs auf
Alexandroúpoli.
Nach Alexandroúpoli und Évros (25. Mai 2004)
Geschrieben an mehreren Abenden aus der Erinnerung.
Gewidmet dem unvergleichlichen Autorengespann Ute Latermann und Rainer Karbe
(rororo. „Anders Reisen. Nördliche Ägäis“. Leider im normalen
Buchhandel nicht mehr erhältlich).
DIE ÜBERFAHRT
Gestern war ein schiffsfreier Tag gewesen, nichts für Leute, die zur
Hauptstadt der Provinz Évros auf dem thrakischen Festland übersetzen
wollten. An jenem Montag kam das mittelgroße Fährschiff namens „Arsinoi“,
gesprochen „Arsinó-i“, zwar von der großen thrakischen Stadt her an,
blieb jedoch bis zum Folgetag in Kamariótissa liegen – wie man mir in der
SAOS-Fahrkartenagentur voraussagte.
Alle Zimmervermieter freuen sich über so eine erzwungene Verlängerung
ihrer Belegungen, und für mich bot sich Gelegenheit, eine Gegend des mir
unbekannten Nordens Samothrákis etwas intensiver zu erkunden.
Wenn man sich an die „Nissos Limnos“ gewöhnt hat, wirkt die „Arsinó-i“
relativ klein. Sie sollte sich andererseits als sehr stabil in den Wellen
liegendes, äußerst seetüchtiges und sehr zügig dahineilendes Vehikel
erweisen. Eine angenehme Überraschung. Ich würde sie nicht ohne Not
verkaufen!
Zum vierten Mal gönne ich mir als Frühstück die ungesunde Bougátsa-Kréma
mit etwas, nur einer Spur, Puderzucker und wesentlich mehr Zimt und einem
großen Glas Wasser bei dem gut aufgelegten Dauerverschwitzten gegenüber
der Kirche.
Mit jedem Tag gewinnt man an Souveränität, als Neuling auf einer Insel,
diesem auf die Spitze getriebenen Symbol des menschlichen Lebenskampfes in
all seiner gemeinsamen wie persönlichen Isolation.
Es ist jedesmal schade, wenn man sich wieder verabschieden muss, auf dem Weg
zu ganz anderen, neuen „Herausforderungen“ – um es im Wirtschaftsslang
auszudrücken.
Die vielen kleinen Abschiede im Leben. Oft fallen sie richtig schwer. Auch
Samothraki war gar nicht so ohne. Die zunächst unbedeutenden Erlebnisse,
nicht alles habe ich geschildert. Die Bergspitzen, richtig von unten her
abgeschnitten im Rahmen des längeren Gebirgsgrates, der die ordnende
Oberhand behält – so kommt es einem vor. Das Gewitter. Die beiden gänzlich
unterschiedlichen Inselseiten. Der Wasserreichtum rundherum. Die südenglisch
anmutenden Getreidefluren im Westen. Die Baumgürtel. Nette Leute.
Andererseits skrupellose Kleingeister ohne Weitblick, die die Rechnungen
frisieren - welch unabsehbaren Schaden sie anrichten in diesen schwierigen
Touristenzeiten. Die paar Mittouristen. Die Tristheit der Vorsaison. Der
Anblick des Kremniótissa-Klosters über den Oliven neben dem sich dem Auge
bietenden Ausschnitt eines Teiles der so nahen türkischen Nachbarinsel Gökçeada
(Imbros), die ich zunächst für Limnos gehalten hatte.
Alles addiert sich auf zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis, das meiner
ganz individuellen Geschichte, meiner Biographie, hinzugefügt wird und das
ich nicht missen kann und möchte.
Deshalb fällt auch dieser Abschied nicht leicht.
Nach Art einer Theaterkulisse schiebt sich die Nordküste der Insel immer
weiter zurück, lässt die markanten, wenn auch nur in ihren höchsten Höhen
etwas hervorgehobenen, also nicht besonders tiefen oder langen, oder
abgehoben hochragenden Berggipfel Samothrákis deutlicher hervortreten, in
einer szenischen Großartigkeit vergleichbar mit dem Schlussbild der
vorletzten „Götterdämmerung“ unter Sawallisch, als der Loge Robert
Tear, den Finger nachdenklich ans Kinn gelegt, bedächtig in die unendlichen
Tiefen der riesigen Münchener Hinterbühne schritt, bis an die Außenmauern
des Operngebäudes, während die bis dahin bekannte Weltordnung im Untergang
begriffen war – und die Oper fragend endete.
Aus Göttergefilden grüßt von fern der Sáos herüber (ist er dem
naxiotischen „Zafs“ gleichzusetzen? – dem neuen Göttervater Zeus, Ablösung
der uralten anatolischen Kabiren?), mit seinen höchsten Inselgipfeln, während
der kleine Draufgänger von Fähre richtig Dampf macht, gleichmütig und äußerst
stabil die bewegten Wellen teilt – ein Glücksfall der Schiffsbaukunst,
gemessen an seiner immer noch bescheidenen Größe, auf die neue, ganz
andere Stadt zusteuert.
Die abreisenden Samothrak(i)er haben sich im Salóni ( dem Wohnzimmer) der
„Arsinó-i“ versammelt - dass hier so viele Griechen anwesend sind, äußerst
sich in einem dicken Zigarettenqualm, der den Raum übermystisch einnebelt.
Irritiert von dem die Lungen akut gefährdenden Kampfgas, versammeln sich
mehr und mehr Mitglieder der niederländischen Busreisegruppe auf dem
(unteren) Oberdeck, draußen in der frischen Luft.
Lohnt sich auch, ohne Frage. Imbros ist schon längst augenfällig, nur wo
seine Grenzen liegen, darüber lässt sich heftig streiten.
Seine Grenzen verschmelzen in vollendeter Manier mit den Randbergen der türkischen
Dardanellen, dem Hellespont, auf Griechisch. Auch wenn man weiß, dass
Imbros nur höchstens anderthalbmal so lang wie Samothráki ist, fällt es
schwer, die Grenze zu ziehen, angesichts eines von der Natur so perfekt
eingeblendeten Hintergrunds. Ich überlasse die Entscheidung späteren
Betrachtergenerationen.
Eingefleischte Nordgriechenlandfanatiker haben sich wahrscheinlich sowieso
der thrakischen Gebirgskette zugewandt, die einem als Abglanz noch weiter nördlich
und besonders westlich auftauchender rhodopischer Grandezza von Norden her
mehr oder weniger kontrastreich entgegenschimmert.
Nach spätestens anderthalb Stunden erkennt man, wo es langgeht.
Flaches Festland tritt einem entgegen, und eine Stadt leuchtet weiß aufs thrakische
Meer hinaus.
Sie umfängt den Ankömmling mit den weit ausgestreckten steinernen Armen
einer langen Mole bzw. Kaimauer, die beide einen erstaunlich großen Hafen
in sich bergen.
ERSTE FÜHLUNGNAHME MIT ALEXANDROUPOLI
Eine breite Häuserfront in nur leicht ansteigender Terrassierung zieht sich
kilometerweit die Küste entlang. Alles macht einen recht modernen Eindruck,
die Straßenzüge sind gitterartig ausgerichtet, die Altstadt sucht man
vergeblich.
Schon beim Andocken am rechten Winkel der großen Mole mit einem kleineren
ostwärtigen Ast, an dessen Ende sich die Kafenío-Taverne einer
Hafenorganisation befindet, spüre ich, dass ich diese Stadt mögen werde.
Sie liegt mir auf Anhieb. Wohl auch wegen ihrer großzügigen Weite und der
wohltuenden geographischen Lage zwischen den sanften östlichen Rhodopenausläufern,
der Thrakischen See, den Inseln und Dardanellenbergen und der östlichen
Ebene mit der einzigartigen Naturlandschaft des riesigen Évros-Mündungsgebiets,
dessen östliche Partie bereits auf türkischem Territorium liegt.
Die Steigung hinauf zur Uferpromenade ist bald überwunden, ich wende mich
nach Ost, gehe vor bis zum recht hübschen Eleftheriás-Platz mit seiner Grünanlage
beim über dem Ufer gelegenen Bahnhof. Frage mich dort durch, denn ich hatte
gedacht, ich würde gleich bei dem rundlichen Plätzchen mit den Tavernen
landen. Kommt davon, wenn man nicht auf den Plan im Buch schaut. So muss ich
etwas weiter nördlich den breiten Boulevard namens Leofóros Dhimokratías
mit Straßencafés, Kiosken, Modegeschäften und viel Leben in westlicher
Richtung zurückwandern bis zur Einmündung der 14.-Mai-Straße, in die ich
nach Nord einbiege.
In der ersten Querstraße links liegt der Busbahnhof, nur 50 m drin, gut zu
wissen. In der nächsten Querstraße links, unweit des Kiosks, liegt mein
Hotel, an dem ich erst vorbeilaufe, da die schwarzen Sonnenschutzscheiben
dem Haus ein unbewohntes, ja totes Aussehen geben.
Für 20 Euro (Monóklino, ja mia níchta) beziehe ich schließlich das hübsche,
saubere Zimmer mit Balkon, aber ohne eigenes Bad. Mit hätte es eher 30 Euro
gekostet. Gegenüber eine griechische Balkonlandschaft vor Wohnungen, hoch
über der Seitenstraße.
Im Hotel „Lido“ in der Paleóglou-Straße 15 herrscht schon am Empfang
eine angenehme Atmosphäre. Man wird angestrahlt, kriegt Komplimente, wenn
man es auf Griechisch versucht, hat den Eindruck, tatsächlich als Gast zu
gelten. Die Lage des Hauses ist so optimal, dass ich auch aus diesem Grund
ohne zu zögern gerne wiederkommen würde.
In nur zwei Minuten bin ich am Busbahnhof, dem Sammelpunkt aller möglichen
Völkerschaften und Menschentypen mit wirklich guter, ruhiger Stimmung,
gemischtem Publikum an den Tischen, besonders interessant die dick
eingemummten, Kopftücher, seltsame Pantoffeln und dicke Stricksocken
tragenden älteren Frauen, die hier, mitten in der Stadt, eine Atmosphäre
ferner Bergdörfer verbreiten.
Nach etwa einer halben Stunde sitze ich im gut gefüllten Bus nach Orestiáda.
So spare ich mir einen Tag, kann locker gleich heute die Neugiertour ins nördliche
Évros unternehmen. Denn die Schnellbusse schaffen diese Strecke trotz
mehrerer Stopps in zwei Stunden, schneller als die Eisenbahn, und es ist
noch nicht einmal Mittag.
INS NÖRDLICHE EVROS
Aus der Stadt rauszukommen dauert eine Weile. Bahngleise werden sichtbar, am
Schluss fahren wir bis kurz vor dem Flughafen neben der eingleisigen
Bahnstrecke her hinaus in eine große Ebene. Ungefähr 7 km östlich der
Stadt liegt der Airport idyllisch nicht weit von der Küste. Die gut
ausgebaute Straße führt direkt daran vorbei. Viele Möbelhäuser sind mir
bis hierher aufgefallen.
Bei Monastiraki, wo eine Nebenstraße ins Evros-Delta abzweigt (- man bräuchte
hier ein Fahrrad!) biegt der Highway allmählich nach Nordost. In Féres
verlassen wir die Überlandstraße und fahren bis hinter zur Busstation am
östlichen Ortsende nahe dem großen Fluss, um etliche Leute aussteigen zu
lassen. Wegen Bauarbeiten geht es auf Umwegen zurück zu Magistrale.
Kurz hinter Féres überqueren wir auf neu angelegter Straßenüberführung
das breite, schwarze Band der hier bereits fertig gestellten Autobahn in die
Türkei mit ihren grünen Hinweistafeln. Nicht auf allen Karten, auch nicht
auf meiner Thrakien-Karte von Road Editions, ist sie schon eingetragen.
Ich habe den Eindruck, dass diese Gegend straßenmäßig besonders begünstigt
ist. Statt einer gewissen Entlegenheit ein hohes Maß an Erschlossenheit.
Ein richtiger Highway, der unsere, auch die kleineren Ortsdurchfahrten sind
überbreit.
Was mich verwundert, ist die unerwartet geringe Höhe der östlichen
Rhodopenausläufer. Nichts Dramatisches, eher Sanftheit und allmähliches
Ansteigen gegen West.
Ein paar Storchennester am Straßenrand beleben die Fantasie. Wie schön –
Störche!!! Was wird wohl weiter drinnen in so mancher Ortschaft storchenmäßig
los sein? Ob es so aussieht wie in Zentralspanien? – wohl nicht, denn
Meister Adebar ist nur selten im Flug zu sehen, während man sich in Ávila
oder Segóvia oder Salamánca vor lauter Storchen-Begrüßungsgeklapper fast
die Ohren zuhalten muss, dort, wo auch längere Zeit aufgestellte Baukrane
hinten und vorne auf ihren Auslegern jeweils ein Storchennest tragen (- Ávila!!!
DIE Stadt der Störche.).
Auf dem Weg nach Souflí fällt bald auf, wie nahe wir den ersten türkischen
Dörfern kommen. Ihre rötlichen Hausdächer, ihre Moscheen und deren
Minarette sind ein untrügliches Zeichen.
Dazwischen erstreckt sich die die Straße bald fast tangierende Bahnlinie,
dehnen sich Wiesen und Felder der Flussaue aus, und immer näher kommt auch
der Évros selbst, Grenzfluss zum europäischen Festlandsteil von Tourkía.
Besonders schön gestaltet sich die Ortsdurchfahrt der alten Stadt Souflí
mit ihrem hochinteressanten Straßenbild, den vielen kleinen Kafenía, mal
griechisch, mal türkisch, den kleinen Geschäftchen, der quirligen, geschäftigen
Kleinstadtatmosphäre.
Vor dem Bus her zockelt, die Aufschrift am Autoheck verrät es, der „Moúftis
tou Évrou“, der Oberpriester der stattlichen türkischen Minderheit
dieser Provinz Griechenlands – viel zu langsam für den Busfahrer. Er trägt
ein gehäkeltes Netzkäppi, das sich farblich von dem der niedriger
gestellten Muslime abhebt (- Weiß gegen Grau, glaube ich mich zu erinnern).
Eine tolle Stadt muss das sein, mit ganz spezieller Stimmung! Das sieht man
schon aus dem Busfenster.
Wenn sich Staus bilden, sind immer die Bulgaren dran schuld! Mein
Sitznachbar weist mich auf den langsamen alten LKW hin, der irgendein
rostiges Vehikel auf seiner Ladefläche in das nördliche Nachbarland entführt.
Unweit nördlich von Souflí und ein andermal kurz vor der Abzweigung nach
Didimóticho kommen wir dem Évros-Fluss äußerst nahe, auf ein paar Meter.
Vor dem zweiten, nördlicheren „Berührungspunkt“ mit dem Fluss steht
ein Häuschen mit Militär davor.
Auf türkischer Seite ist gar nichts von Militär zu sehen, während das
griechische Ufer entlang immer wieder kleine Militärkonvois die Hauptstraße
sichern und auch schon mal zwei Panzer, Tanks am Straßenrand geparkt sind.
Während die türkische Politik auf Entspannung setzt, steckt den Griechen
trotz ebenfalls gezeigtem Entgegenkommen die alte Türkenfurcht noch schwer
in den Knochen.
Das recht groß erscheinende Didimóticho wird von einer Hügelfestung gekrönt,
darunter überragt noch ein markantes, wie eine Riesenmoschee aussehendes
Kuppelgebäude das alte Stadtbild.
Wir umfahren die Altstadt und biegen im Stadtnorden nach West zur Busstation
hin ab., vorbei an einer Barackensiedlung, offenbar für Asylanten (?).
Zurück auf der Überlandstraße, wird es allmählich geradezu langweilig.
Nichts so Besonderes, diese Landschaft. Wenig Spektakuläres. Abseits der
großen Straße ist sie bestimmt schöner, unentstellter.
Vor Orestiáda erscheinen auch wieder die größeren Gewerbe- und Geschäftshäuser
neben der Straße. Sie muten wie irgendwo in Europa an.
Der Balkan versteckt sich wohl eher im Hügel- und Bergland.
Es ist eine lange Einfahrt nach Orestiada, bis das etwas höher gelegene
Zentrum erreicht ist. Eine Plansiedlung ist diese Stadt, 1923 neu gegründet,
mit gitterförmigem Straßengrundriss.
An der zentralen, groß dimensionierten Platía mit Denkmal, Grünanlage und
Hotel, über die die Hauptdurchgangsstraße führt, biegen wir nach West ab
und bald nach Nord in das Viertel, wo sich die Busstation befindet. Von hier
aus geht etwa stündlich ein Bus zurück nach Alex’poli. Von hier aus
gehen ebenso Anschlusslinien nach Kastaniés (Grenzstation gegenüber dem türkischen
Edirne, griechisch Adrianoúpoli) sowie in entlegenere Täler und
Bergregionen Richtung Balgarija (Voulgaría).
Einen Spaziergang durch die Innenstadt will ich mir schon gönnen. Bald
gelange ich wieder zur Hauptverkehrsader der Stadt, wende mich Richtung Platía
und komme im Nu zu einem von Einheimischen überfüllten Lokal (namens „Vafis“,
oder so ähnlich).
Von neugierigen Blicken verfolgt, begebe ich mich Richtung Küche und
bestelle gleich etwas beim ziemlich ironischen Bedienerix. Zum Glück ist
der Durchsatz an Gästen ganz enorm, sodass ich einen freien Tisch finde. Um
mich herum so manche gut beschwipste, gut aufgelegte Tischrunde an ihrem
Schlachtfeld ausruhend und heftig diskutierend, scherzend.
Mein Rindfleischgericht mit viel Kartoffeln und grünen Bohnen schmeckt vorzüglich.
Zusammen mit dem großen Bier macht die Rechnung ganze 6 Euro 40 aus. Ich
denke zurück an die annähernd 18 Euro, die mir in einer Taverne auf
Samothráki abgeknöpft wurden („Paidákia“ war mein Gericht), und
sehe jetzt, im Vergleich, noch einmal ganz drastisch was Sache ist. Aber möglicherweise
war es ja ein bulgarischer oder türkischer Import, mein Essen – ihr
allerwertestes Fremden-Bescheißer-Ehepaar da oben in Profitis Ilías, euch
zum Trost.
Schließlich gelange ich zum Park am Ostrand der Innenstadt von Orestiáda,
versuche an seinem Rand irgendeine Aussicht zu erhaschen Richtung dem nahen
Edirne. Aber Pech – die Gegend ist einfach zu flach.
Orestiáda ist nicht sooo schön, dass ich mich besonders lange hier
aufhalten will. Um halb vier rum besteige ich den Bus zurück nach
Alex’poli, auf das ich doch auch noch gespannt bin, für einen Abend.
Spannend wird es, als der Busfahrer einen Halt einlegt, um an der extrem
grenznahen Stelle bei Didimóticho eine Militärstreife hereinzulassen, drei
Militärs, die nach Fremden Ausschau halten.
Einer von ihnen wird fündig – in MIR, dem „Bulgaren“.
Es lohnt sich, auf Griechisch antworten zu können! „Ich bin nicht
Bulgare, ich bin Deutscher, aus München!!!“ Könnte ja jeder behaupten,
oder!? Durchsuchung ist angesagt. Die lenke ich vorsichtig in gewisse
Bahnen, indem ich erst meinen kleinen Bücherrucksack öffnen, darin die
Geldtasche mit dem roten EU-Pass und so vielen Euro drin eingeklemmt, dass
ich unmöglich Bulgare sein kann. Ist nicht geringschätzig gemeint, aber an
der Reaktion des übereifrigen Kontrolleurs konnte ich gleich bemerken,
welche Wirkung ein roter Pass und eine beachtliche Bargeldmenge ausüben können.
Im Nu war der Bulgare vergessen, war keiner mehr! Was für ein Glück, dass
mich das Schicksal ohne mein Zutun zu einem „Westeuropäer“ gemacht hat
– ich kann wirklich nichts dafür. Was für ein Pech für die armen Typen
aus der östlichen Hälfte unseres Kontinents, die ständig Demütigungen über
sich ergehen lassen müssen.
Im Anschluss an diese Szene fühlt sich mein Sitznachbar genötigt, sich auf
sehr nette Art für den Vorfall zu entschuldigen – es müsse halt sein, in
diesen Zeiten, auch noch so unmittelbar vor den Olympischen Spielen. Ob das
jemals einem Deutschen einfallen würde, sich für so etwas zu
entschuldigen, wenn es einem Ausländer passiert wäre?
Ganz formell bittet direkt beim Flughafen von Alexandroúpoli ein
griechischer Fahrgast aus dem Norden um einen Halt „am Flughafen von
Alexandroúpoli“, als ob es in der Gegend mehrere gäbe.
Startbereit am Westende der Piste steht eine kleine Aegean-Maschine, Ziel
ist Athína, denn von hier aus fliegt Aegean sonst nirgendwohin.
Wie oft hatte ich überlegt, nach meinem Évros-Besuch vielleicht direkt
nach Sitía auf Kreta zu propellern, mit Olimbiakí. Oder ein Direktflug mit
Zwischenlandung(en), nach Rhodos. Hätte mich wirklich gereizt – so tief
die ganze türkische Küste entlang zu fliegen, über all die erst weniger,
dann mehr vertrauten griechischen Inseln.
Doch mein Entdeckerdrang hatte die Oberhand gewonnen, und wenn schon eine
zeitlich passende Fähre von Kavála aus geht, nach Samos, und ich auf diese
Weise einen anderen nördlichen Hafen erleben kann und anschließend, nach
einer Ü auf Samos, auch noch den Dodekanes durchkreuzen (die Níssos Kálymnos
wieder einmal erleben!), dann bleiben wir zur See, ziehen wir die große,
durch keinen Flug entstellte Seefahrt durch – wie es sich für eine
Anglophilen gehört! Hauptsache, gegen Ende der Reise die Freunde auf Kárpathos
treffen, noch ein paar Tage Zeit haben dafür.
Trotz des Umwegs, des Schlenkers über einige grenznahe südlichere Dörfer,
kommen wir ziemlich pünktlich mitten in Alexandroúpoli an, am Busbahnhof
um zwei Ecken vom Hotel Lido, dem schönen, echt preisWERTEN.
Die EM ist vorüber, Hellas hat den Pokal errungen, und endlich haben sich
Humanisten wie Bruno Walter im Hintergrund wieder durchgesetzt. Seine
herrlichen, von gleich zwei Geistern durchdrungenen späten Mozartsymphonien
begleiten mich beim Schreiben, mich, der ich seit längerem so auf Krips mit
seinem Concertgebouw Orkest stehe – die wunderbaren, so gut klingenden
Philips-Aufnahmen in erster Linie der frühen Mozartsymphonien (wahre
Fundgruben), gar nicht so alt – die Aufnahmen.
Ich bedaure nur, dass ich Bruno Walters Mahler-Wunderwerke nicht im Regal
habe. Auch Klemperer würde es „tun“, wäre sogar ebenbürtig, aber von
dem ist nur die „Vierte“ zur Hand, doch mir ist ganz und gar nach der
„Auferstehung“, der zweiten Symphonie, dem Spiegel der menschlichen Unmöglichkeit.
Die griechischen Fußballer haben doch das Unmögliche möglich gemacht, Phíle!
Wenn es so weitergeht, wird auch von Bülow wiederauferstehen, der
Philharmoniker, ganz nach Mahlers geheimem Wunsch, nicht nur das mächtige
Hellas. Und Gustav Mahler wäre entzückt, das wohl unerreichte
Operndirigentengenie. Sogar das Anfangsmotiv von Verdis „Othello“ hat er
in seine „Zweite“ integriert, neben so viel Tristan und bitterer Analyse
des Menschseins ...
Warum nicht Benny Goodman auflegen, jetzt, da es um diese junge, recht
dynamische thrakische Stadt am Rand des griechischen Festlands geht? Ein
Klarinettenkonzert! Aus Boston! Fantasiereicher und intelligenter als sein
Komponist geht’s doch gar nicht mehr, und mit den intelligenten,
weltgewandten Leuten aus Alexandroúpoli hab ich, beruflich wie privat,
bisher nur die besten Erfahrungen gemacht – so ähnlich wie mit den
Katalanen aus Barcelona.
ZURÜCK. EIN ABEND IN ALEX’POLI
Wohin zieht es den Seefahrer, der bereits zu weit aufs unvertraute Festland
vorgedrungen ist?
Zurück in eine Hafenstadt, versteht sich. Egal ob sie ganz modern aussieht,
keine großen Sehenswürdigkeiten in ihren nicht vorhandenen Mauern birgt,
alles andere als der Nabel der Welt ist.
Hauptsache ein HAFEN, eine Ahnung von der Weite selbst des begrenzten Ägäischen
Meeres, ein salziges Lüftchen, das alle Straßen auch vom stärksten
Autoverkehr rein fegt und unseren Lungen noch zusätzlich Kraft spendet.
Diese einfachen und doch so ganz und gar komfortablen modernen Stadthotels.
Zwei großartige Badezimmer, alles blitzblank geputzt, stehen dem
bescheideneren Gast für eine Dusche auf meinem Stockwerk, dem dritten, zur
Auswahl. Man fühlt sich nicht verarscht, hat eine Bleibe zu einem wirklich
angemessenen Preis, immerhin in einer Provinzhauptstadt, nimmt dafür das
Fehlen der Nasszelle im Zimmer in Kauf.
Was für ein Luxus, eigentlich. In guter Erinnerung ist mir noch die erste
Nacht dieser Ägäisrundfahrt, nach einer langen Anreise von Deutschland mit
Zwischenlandung in Saloníki, auf der Insel Psará, im Freien, ganz ohne den
Genuss eines Waschbeckens oder gar von frischem Duschwasser, auf einem
Kafenio-Segeltuch-Stuhl, eingelullt vom misstrauischen Hundegejaule und
einer ausgelassenen Privatfeier zu dritt oder viert auf der kleinen Inselfähre
mit Musikumrahmung bis in die Puppen (- right into the small hours). Eine
herrliche Nacht, trotz allem, die erste derartige seit Urzeiten.
Die Geräusche der Nacht, das Flair einer Nacht draußen ohne schützende
Hausmauern, bar jeglicher warmen Bettdecke, die Sinne geschärft. Das allmähliche
Frösteln. Die ersten Morgenpassanten hin zur Fähre nach Chios. Meine frühmorgendliche
Besteigung des Vorkaps. Der erste jungfräuliche Blick auf die Inselberge
Psarás, auf Andípsara, auf Chios aus der Ferne, gegen eine zaghaft aus
anatolischen Tiefen aufsteigende Sonne. Die Möwen um mich. Sonst Stille.
Solche Gedanken, Erinnerungen kommen einem wohl nur, wenn man den
Schluss-Satz von Mahlers „Dritter“ zu Hause in sich einsaugt, während
sich der Athos allmählich im Abendrot herausschält, da unten bei den
Griechen, das geistige Auge nimmt daran teil.
Alexandroupolis. A tour of the town. Man könnte vielleicht mal in hohem
Bogen hin zum ziemlich weit westlich der Hafeneinfahrt gelegenen
Olympic-Airlines-Office spazieren und fragen, nach Flügen. In der neuen
Stadt, die so etwas wie Ruhe und Festigkeit ausstrahlt. Ich kann mir nicht
helfen, ich fühle mich in ihr wohl. Verrückt.
Trotz Saluzzo (Die Fresken auf der Burg von Manta, in der Nähe –
unfassbar schön.), den Langhe, ihrem Wein, Torino (Das Stadtbild, die Oper,
die Bergriesen rundherum), Monza (die Langobardenkrone ... im Dom),
Castiglione Olona (die unbekannten Fresken von Masolino da Panicale), Milano
(diese eine so heimelige Straße zum südlichen Stadttor, die versteckten
Winkel, der junge, übende Organist auf der Empore in San Lorenzo Maggiore,
der seinem Talent freien Lauf lässt, die duftenden Wiener [= Frankfurter] Würstchen
mit Sauerkraut 200 Meter vom Dom, das Erbe Austrias!; der vorzügliche Fisch
in der Trattoria bei den Kanälen), Parma, Pádova (das herrliche Battistero),
Venedig (sowieso außer Konkurrenz, distichós auch preislich!), dem Palazzo
Schifanoia in Ferrara, Florenz (nicht mehr bezahlbar, aber ich weiß warum),
Perugia (hoch oben, die Weinkneipen!), Assisi (auch spirituell), Spello (Pinturicchio
- diese Fresken!!!!!), Montefalco (Rosso di!; Mmmm!, und die würzigen,
frischen Trüffeln Ende September – Für ein Spottgeld, vor Ort, in der
Pasta), Spoleto, Grosseto, Bolsena (im schönen Abseits, Wein, Fisch, Averna,
die „Bar Centrale“, der Schilfstrand mit seinen winzigen Buchten am See,
ruhiges Italien, fast unverdorben), Viterbo, Rom, Anagni, Alatri, Napoli,
Bari, Barletta, Trani, Lecce, Táranto, Gallípoli, und Ótranto, um nur
einige gut erinnerte Perlen der italienischen Halbinsel zu nennen.
Was soll das Namedropping? Es erhöht dich nicht, Ego. Es waren deine
Entscheidungen, Andere haben sich anders entschieden, sind weit verreist.
Haben ganz anderes erlebt. Du kennst das nicht, hast keine Ahnung davon.
Bist lediglich in dich gegangen, manchmal.
Bin ganz glücklich, zufrieden. Habe es vielleicht nicht falsch gemacht –
diesbezüglich.
Außer, dass ich zu oft nach Griechenland gefahren bin – 20 wichtige
Celibidache-Konzerte deshalb unwiederbringlich versäumt habe. Nun ist er
tot, der Überirdische. Tempi passati.
Die Belegschaft des Olympic-Büros von Alexandroupoli hat so früh am Abend
noch zu, öffnet möglicherweise um 19 Uhr. Auch egal.
Der alte amerikanische M-48-Panzerturm um die Ecke vor der Kaserne ist
beeindruckend, weil ich an die großen, ewig langen US-Panzerparaden (hin
zum Manöver im Wald) während meiner Kindheit denken muss.
Dann erst die lange Reihe vom Uferpromenadencafés! Erste jugendliche Gäste
sind eingetroffen und starren mich an, den Eindringling in ihre Sphäre,
ihre Stadt, Ja, westlich der Hafenzufahrt ist die Action für die Kids und
Studiosi.
Das goldene Abendlicht zieht mich hinunter zur langen Hafenmole, an deren
Anleger ich diesen Morgen angekommen bin. Ein Wohnmobil aus deutschen Landen
sucht Schutz hinter der westlichen Molenmauer. Viel Platz ist hier,
Parkplatz, Abstellplatz, Promenierplatz. Großer Hafen, kaum nennenswerte
Schiffe, „Kleinzeug“.
Es wird auch promeniert. Ein paar Stroller klettern bereits die Felsen hoch
zum südlichen Abschnitt des oberen Kaimauersteigs mit Aussicht, nach dem
Durchlass. Ich folge ihnen.
Wie es sich gelohnt hat, ästhetisch gesehen! Nicht nur die Kabireninsel und
ihre östlichen Nachbarn breiten sich ziemlich nahe vor mir aus. Selbst
Thassos ist gegen die untergehende Sonne gut zu erkennen. Als unerwartete
Dreingabe spitzt der ferne Athos ein Stück südlich von Thassos aus dem
Horizont hervor, so als ob’s nichts Besonderes wäre. Ein kleines Wunder für
mich, hab nicht mit ihm gerechnet, von so weit weg. Ich freue mich über
meine Verbundenheit mit nah und fern – ganz so, wie ich’s mag. Aber man
muss sich schon hinausbegeben auf die lange Mole, um so etwas mitzukriegen!
Abends darauf sollte ich, schon auf halbem Weg Richtung Thessaloniki, die
Klippen der Altstadt von Kavála hinunterblicken in die Fluten und hinüber
auf das so nahe Thassos, der Athos zum Heulen nah, in ähnlicher Entfernung
wie von Limnos aus.
Geht man die Hafenausfahrt hinauf zur Stadt hin, sind es nur ein paar
Schritte über die Uferstraße, und man ist bei zweien jener alten Kafenía
angelangt.
Das zweite, an der Ecke zur Straße beim Fischmarkt, sieht echt spartanisch
aus, für die ganz Armen, wenn man so will. Das nächste Mal.
Das erstere, mit Markise und mehr Stühlen draußen ist kleiner und
zusammengestauchter, ganz „normal“, bestimmt nicht übertrieben
komfortabel und hat ebenfalls eine ganz eigene Ausstrahlung.
An seinen Wänden hängen rundherum Fotos vom alten Alexandroúpoli des frühen
zwanzigsten Jahrhunderts bis etwa in die Vierzigerjahre. Man glaubt sich ins
neunzehnte Jh. zurückversetzt.
Hier glaube ich unter den Gästen einige samothrakische Gestalten
wiederzuerkennen. Auch für die SAOS-Fähren wird Reklame gemacht.
Wenn man Mezé zum Ouzo bestellt, kriegt man sehr gute Appetithappen, sogar
Muscheln, wird vorher gefragt, ob man sie auch will (- irgendwie gefährlich,
klar.) Dieser Ort kommt dem limnischen „Aegeo“ aus meiner Sicht wohl am
nächsten, wenn er auch bei weitem nicht so groß und wohlhabend wirkt.
Dreh beim spartanischen Kafenío links rein, schon gehst du zwischen
Fischmarkt – am frühen Morgen ein Erlebnis – und einer erst am späteren
Abend belebteren Fischtaverne namens „Anéstis“. Das Rondell der Platía
Polytechníou ist etwas enttäuschend, sehr klein, gedrängt, die beiden
ehemals bestimmt urigen Lokale wirken heutzutage wie die Number-one-Places
im Ort – nur ein flüchtiger Eindruck. In einem davon glaube ich die größere
niederländische Gruppe wiederzuerkennen, als so ziemlich einzige Gäste.
Lediglich einen kleinen Restappetit will ich stillen, so umrunde ich den
Block zwischen dem Platía-Rondell, der „Dimokratías-Prachtstraße“ und
dem Fischmarkt und werde bald fündig.
Mag sein, dass es die Koundourióti-Straße ist, oder eine Parallele weiter
westlich, wo sich zum Meer hin so relativ viele preiswerte Schnellimbisse für
den Normalbürger mit wenig Geld in der Tasche und dennoch einem
beachtlichen, unstillbaren Ausgehdrang etabliert haben.
Eine Straße der kleinen Leute, die hier promenieren gehen, sich mal schnell
ein paar Souvlakia oder was anderes reinziehen wollen (nein, nur
Kulinarisches) und kritisch das in ihren Augen beste der etwa vier Angebote
besetzen.
So früh wie ich dran bin – noch vor halb zehn – ist das sehr kleine,
bescheidene Stübchen mit zwei Tischen draußen noch überhaupt nicht
besucht, aber als ich 10 Minuten später wiederkomme, muss ich mich schon
beeilen, einem respektablen Paar den Tisch wegzuschnappen. Sie nehmen meine
Entschuldigung an und bekommen einen Zusatztisch aufgestellt. Geschnappt
hatte ich, weil es da Birra Alpha (hallo Peter aus Linz!) vom Fass gab!! Große
Krüge noch dazu, zu einem erstaunlich kleinen Preis. Die Ausnahme.
Das Bier war gut, das Schnell-Essen unter aller Kanone, Leute, die denkbar
schlechtesten Zutaten, geradezu gelungen geschmacklos.
Aber die moderne Art, es nur auf einer auf den Tisch hingeklatschten großen
Papierserviette zu servieren, das bestimmt allerletzte (weißrussische?)
Ketchup drauf (HEINZ ist wirklich um 12 Klassen besser! - Dazu noch Fish
n’ Chips – oder lieber doch mit Essig?), war für mich nichts ahnenden
Vorortbewohner äußerst beeindruckend, auch wenn alles doch ein wenig
durchfettete. Die ganze Straße macht es so! Das zur Rechtfertigung.
When in Alex’poli, do as the Alex’poliótes do!
Schnell ins gemütlichere Kafenío zurück. Dann ins Bett! So wenig Schlaf
wie auf dieser Rundreise hatte ich schon lange nicht mehr.
Das muss sich ändern!
Aber wann wird es geschehn? Nach dem Zusammenbruch?
Hören wir, zurückgekehrt, erst einmal Simone Boccanegra, vielleicht weiß
der Rat. Fürs nächste Mal.
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